27.08.2012, 10.45 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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TiC-Komödie: „Heißer Tanz“ zwischen Gleichschritt und Polka

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Tanzen zunächst eher nicht im Gleichschritt: Beate Rüter als verbiesterte Witwe Lily und Michael Baute als provokanter Tanzlehrer Michael in der neuen TiC-Komödie "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen". Foto: Martin Mazur

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ – der Titel der Komödie, die am vergangenen Freitag, 23. August 2012, im TiC-Theater in Cronenberg Premiere hatte, klingt nach einem ganz normalen Tanzkurs. Jeder, der schon einmal Tanzstunden absolviert hat, weiß: Das kann Spaß machen, das kann aber auch weh tun. Ähnlich verhält sich das mit dem Tanzpaar in dem ebenso komischen wie berührenden Stück von Richard Alfieri: Zunächst treten sie sich ganz schön auf die Füße – im übertragenen Sinne; Schritt für Schritt werden sie dann aber zu Freunden.

In der Alfieri-Komödie, die von den Gast-Regisseuren Sabine Misiorny und Tom Müller (m&m-theater)in Szene gesetzt wird, geht es um Seniorin Lily: Die kultivierte Ex-Lehrerin lebt im Rentner-Paradies Florida; trotz Traumblick auf den Strand, ihr Dasein ist alles andere als sonnig. Der Ehemann, ein erzkonservativer Baptistenprediger, ist seit Jahren tot, Lily aber gibt vor, dass er lebt – „Frauen verschwinden im Alter ohne Mann“, begründet sie die Lüge später. Lilys Leben ist wie die Einrichtung ihres Appartments (Bühnenbild & Kostüme: Thomas Pfau) – in Farben und mit Mobiliar von gestern. Abwechslung bringen die Teilnahmen an Senioren-Veranstaltungen, die laufend im Gute-Laune-Radio beworben werden. Oder die nervende Nachbarin Ida – bei jedem etwas lauteren Lebenszeichen greift sie zum Hörer und beschwert sich.

Er schwul und respektlos, sie kultiviert und Prediger-Witwe

Um „Leben“ ins Leben zu bringen, bucht Lily bei einer Agentur einen Tanzlehrer – geschickt wird Michael: Mitte 40, schwul, lebenslustig, ehemaliger Revuetänzer in New York und vor allem eines: respektlos und mit einem groben Frontal-Humor! Kein Wunder: Bevor die ersten Tanzschritte gemacht sind, tritt Michael Lily bereits derart (verbal) auf die Füße, dass sie ihn rauswerfen will. Dem entgeht Michael nur, indem er Lily vorlügt, dass er daheim eine todkranke Ehefrau habe. Als Lily ihm drauf kommt, will sie Michael erneut kündigen; aber auch der Tanzlehrer ist „drauf“ gekommen, dass Lily Witwe ist – damit steht es eins-zu-eins – und die Tanzstunden gehen weiter! Obgleich ihre so unterschiedlichen Temperamente immer wieder aufeinanderprallen, Michael darf seinen Tanzteppich ausrollen, über Swing, Tango, Foxtrott & Co. kommen sich die beiden allmählich näher.

In den sechs Tanzstunden schweben Beate Rüter und Michael Baute ebenso leichtfüßig übers TiC-Parkett wie sie mitunter mit ihren Gefühlen Polka tanzen– Langweile kommt da keine auf! Mal bezeichnet Michael („Ich bin nicht verrückt, ich bin Italiener!“) seine Schülerin als „vertrocknete, alte Schachtel“, dann fordert Lily ihren Lehrer auf: „Reißen Sie sich zusammen und erhöhen sie ihre Dosis Ritalin!“ Ebenso „flott“ geht’s auch auf dem Tanzteppich zu (Choreografie: Dana Großmann): Mal rollt ihn Michael als heißblütiger Tango-Tänzer ganz in schwarz gekleidet und mit spanischem Akzent aus; zur Walzer-Stunde wienert er im edlen Zwirn, zum Beach-Boys-Hit „Surfin‘ USA“ legt Michael im Gute-Laune-Hemd mit Lily einen mitreißenden „Flattertanz“ („Travolta – Travolta“) hin.

„Es ist schwer allein zu sein, aber noch schwerer unter Menschen“

Glaubwürdig verkörpern Michael Baute und Beate Rüter das ungleiche Paar und die Entwicklung von der mit Scharmützeln gespickten geschäftsmäßigen Tanz-Partnerschaft zu Freunden; berührend ist, wie sie die Schutzwälle einreißen, die jeder von ihnen um sich herum errichtet hat – hier der schwule Tanzlehrer aus dem liberalen New York, der dort seinen Geliebten verlor und nun im schwulen-feindlichen US-Süden sein Auskommen sichern muss; dort die einsame und verletzliche Witwe („Unsere Beziehung hat sich gebessert, seit er tot ist“), die konstatiert: „Es ist schwer, allein zu sein, aber noch schwerer unter Menschen.“ So ungleich Lily und Michael (scheinbar) sind, irgendwann stellt Lily fest: „Sie leben doch genauso zurückgezogen und assozial wie ich!“ – als sich beide das eingestehen, sind sie endgültig zu Freunden geworden; zu einem (Tanz-)Paar, das im weiteren Verlauf auch ein Schicksalsschlag nicht mehr trennen kann…

Sabine Misiorny und Tom Müller haben den Tanz der Gefühle einfühlsam in Szene gesetzt – ihre Hauptdarsteller Beate Rüter und Michael Baute verkörpern die rasanten Umkehrschwünge von der Polka zur Walzer-Seligkeit beeindruckend glaubwürdig. Einen Glücksgriff landeten Misiorny und Müller mit ihrer Idee, die Pausen zwischen den Tanzstunden mit einer Putzfrau zu füllen: Klasse, wie sich die stets in ein Buch vertiefte „Fee“ durch die „Unordnung“, die in Lilys Appartment nach jeder Tanzstunde herrscht, stets aus dem (Alltags-)Tritt bringen lässt – obwohl ohne Worte oder gerade deswegen, Lara Sienczak ist mehr als ein Pausenfüller! „Eine wunderbare Inszenierung“, befand denn auch eine Zuschauerin in ihrem Eintrag ins TiC-Gästebuch: „Besonders diese Putzfrau!“

Lust auf eine Komödie mit Tiefgang – Karten für „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im TiC sind unter Telefon 0202-42 67 11 oder online unter www.tic-theater.de erhältlich.

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