16.06.2015, 15.36 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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Seilbahn: Soll sie ein „Factory-Outlet-Express“ werden?

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Fast so voll wie bei den Jahreshauptversammlungen war es, als es beim Bürgervereins-Stammtisch auf Küllenhahn vor allem um die Seilbahn ging.

Sonst sind die Stammtische des Bürgervereins Küllenhahn eher „intime“ Treffen. Beim Juni-Stammtisch 2015 war das anders: „Ich bin baff“, zeigte sich Bürgervereinschef Michael Ludwig über die große Teilnehmerschaft überrascht. Aber es ging ja auch um Themen, die bewegen: die Fernwärme-Trasse vom Müllheizkraftwerk Korzert zum Viehhof und das Seilbahn-Projekt vom Hauptbahnhof zum Schulzentrum.

Am Stammtisch stand vor allem ein Thema im Mittelpunkt: die Seilbahn. Michael Ludwig machte zwar klar, dass der Bürgerverein der „Schwebe-Bahn“ grundsätzlich positiv gegenüberstehe und appellierte, die Idee nicht kaputtzureden. Anhand der Wortmeldungen an dem Groß-Stammtisch wurde jedoch deutlich: Die Gondeln werden bereits vor der Jungfernfahrt durch viel Gegenwind ins Schaukeln gebracht.

Stimme: „Sowas findet man nur aus der Entfernung schön“

So machten zwei Anwohner entlang der geplanten Trasse deutlich, dass sie dem Stadtwerke-Projekt rein gar nichts abgewinnen können: Gondeln, die im 30-Sekunden-Takt über den heimischen Garten schweben – „da wird die Privatsphäre komplett genommen“, kritisierte ein Betroffener. Was ist mit dem Schattenwurf, was mit Fahrgeräuschen, wer braucht überhaupt eine Seilbahn in den Semesterferien, wo bleiben die Bewohner in der oberen Südstadt, die nicht in der Nähe der geplanten Bergstation am Busbahnhof Schulzentrum Süd wohnen und denen die derzeitigen Busverbindungen ausgedünnt oder vielleicht ganz gestrichen werden – so  einige der kritischen Fragen.

ÖPNV-Experte Joachim Fiedler: „Die Stadtwerke setzen aufs falsche Pferd“

Ein Betroffener formulierte seine Antwort so: „Sowas findet man nur aus der Entfernung schön – viereinhalb Meter über dem eigenen Hausdach möchte das keiner.“ Aber nicht nur Betroffene, auch Joachim Fiedler meldete sich zu Wort. Der mittlerweile emeritierte Professor des einzigen ÖPNV-Lehrstuhls Deutschlands zweifelte den praktischen Wert der Seilbahn-Idee an: „Sie können ein öffentliches Verkehrsmittel nicht mit drei Stationen betreiben.“

Wenn die WSW im Zuge des Seilbahn-Projekts ihr Buslinien-Angebot auf der Südhöhe ausdünne, werde sie Fahrgäste verlieren, prophezeite der Cronenberger Nahverkehrs-Experte: „Da setzen die Stadtwerke aufs falsche Pferd.“ Sein Rat daher: Man sollte es doch bei den derzeitig guten Busverbindungen belassen. Joachim Fiedler vermutet indes etwas ganz anderes hinter der Seilbahn-Idee: Nach Negativ-Schlagzeilen als Pleite-Stadt oder auch durch die Scharia-Polizei wolle die Stadt mit der einzigen urbanen Seilbahn Deutschlands positiv punkten: „Wuppertal muss sich profilieren und dazu braucht es Leuchtturm-Projekte.“

Seilbahn-Idee: Heute Abend letzte Info-Veranstaltung

Und noch eine Mutmaßung machte am Küllenhahner Stammtisch die Runde: Nach Eröffnung des größten innerstädtischen Outlets Deutschlands am neuen Döppersberg könnte ein Verkehrschaos auf dem Südstraßenring ausbrechen – mit der Seilbahn könne man dann bequem darüber hinweg schweben – in einem „Outlet-Express“. Übrigens: Auch mit dem Argument der Seilbahn-Befürworter, dass die Schwebebahn heute nicht mehr gebaut werden könnte, räumte Joachim Fiedler auf: Die Schwebebahn mache auch heute noch Sinn, denn sie führe über einen Raum, der sonst nicht als Verkehrsraum genutzt werden könne und verfüge über viele Stationen: „Das ist nicht vergleichbar – die Schwebebahn hat Bus-Funktion.“

Fazit des Küllenhahner Bürgerstammtisches: Es gibt viel Klärungsbedarf zu den Seilbahn-Plänen. Geklärt werden können sie vielleicht heute Abend, 16. Juni 2015: Zwischen 17 und 20 Uhr findet dann im Schulzentrum-Süd der (vorerst) letzte Info-Abend der Stadtwerke zu den Seilbahn-Plänen statt. Mehr Infos zum Seilbahn-Projekt gibt es auch im Internet unter www.seilbahn2025.de.

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