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19.10.2015, 09.00 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

TiC-Premiere: „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin…“

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Hält ihre Liebe dem Druck stand? Alexander Bangen und Kristina Molzberger brillieren als „ungleiches“ Paar im neuen TiC-Stück „Fettes Schwein“. - Foto: Martin Mazur

Wo die Liebe hinfällt… – Tom sieht gut aus, ist erfolgreich und ist zudem auch noch nett – er könnte jede haben. In der Mittagspause lernt er Helen kennen. Dass er auf die Bibliothekarin ausgerechnet in einem Fastfood-Restaurant trifft, ist keine Überraschung: Helen isst gerne und ist daher ziemlich üppig. Aber sie hat auch andere Pfunde, mit denen sie wuchern kann: Sie ist sympathisch, intelligent und hat Humor, kurzum: Sie ist „schwer“ in Ordnung!

Helen ist eine Frau, nach der sich die Männer umdrehen, aber um schiefe Blicke auf ihre Körperfülle zu werfen. Aber Helen hat ihren Frieden mit ihren Pfunden gemacht, dass er mit ihr sogar Dicke-Scherze („Aldi ruft an – ihre Mutter steckt im Drehkreuz fest…“) treiben kann, beeindruckt Tom – Helen ist einfach „erfrischend zum Mittagessen“. „Wollen wir uns wiedersehen“, fragt er und Hellen antwortet: „Haben Sie keine Angst davor, was die Leute reden?”

Tom hat keine Angst – scheinbar: Helen und er werden ein Paar. „Tom hat ‘ne Neue“, lautet da die Parole, die Freund Carter (Benedikt Fiebig) in der Firma ausgibt. Weil Tom aber nichts über die Neue verraten will, weckt das nur umso mehr das Interesse von Carter und Sekretärin Jeannie (Charlotte Reinke), der „Ex“ von Tom. Gerade mit seiner Geheimniskrämerei setzt Tom eine Spirale in Gang: „Ich krieg’s raus“, sagt Kumpel Carter: „Und dann hängt das Bild an der Pinnwand.“

Und so kommt es dann auch: Der um keinen derben Spaß verlegene Carter kommt dem ungleichen Paar auf die Schliche und kann’s nicht fassen: „Alter, ich hoffe, das sind Zwillinge!“ Kaum ist ein Foto von Helen per Rundmail verbreitet, hat Tom schon die erste Hass-Mail auf dem Rechner. „Ex“ Jeannie reagiert hysterisch: Dass Tom ihre Model-Maße für so eine verschmäht, für so ein „fettes Schwein“, das verletzt Jeannie.

Carter rät Tom dazu, sich von Helen zu trennen, die Fetten untereinander zu lassen und prophezeit: „Das wird eine Riesenlast.“ Ob das zur selbsterfüllenden Prophezeihung wird oder ob die Liebe von Tom und Helen dem sozialen Druck standhält, das sei nicht verraten. Dass dem TiC-Theater in seiner Reihe „Starke Stücke“ ein weiteres „starkes Stück“ gelungen ist, darf jedoch bescheinigt werden.

Regisseurin Julia Penner hat das Stück von Hollywood-Regisseur Neil LaBute, das das Journal „Theater der Zeit“ einst als „aufregendste New Yorker Premiere der Saison“ bezeichnete, beeindruckend auf die TiC-Bühne gebracht. Die vermeintliche Komödie sorgt mit zotig-derben Sprüchen zunächst für viel Spaß. Im weiteren Verlauf bleiben die Lacher dem Publikum aber im Halse stecken.

Erst recht als der auf äußerliche Reize geradezu fixierte Carter seinem Kumpel Tom ein verblüffendes Geständnis aus der Kindheit macht (eindrucksvolle Szene von Benedikt Fiebig), fragt sich der Zuschauer: Wie können gesellschaftliche Normvorstellungen und Schönheitswahn einen Menschen derart (ver-)formen? Man bangt geradezu mit Tom (Alexander Bangen), dessen Wankelmütigkeit Alexander Bangen glaubwürdig zum Ausdruck bringt, und man hofft inständig mit Helen.

Kristina Molzberger als Helen brilliert, beeindruckend wie sie die Lebenslust, aber auch die Verletzlichkeit von Helen vermittelt, sie versprüht so viel Charme – zum Verlieben! Und umso mehr eine Anklage an unser Schablonen-Denken. Die souveräne Charlotte Reinke (Respekt, zumal sie kurzfristig einspringen musste) weiß das zu unterstreichen: So sexy, wie sie als der völlige Gegenpart zu Helen daherkommt, so sehr macht sie jedoch deutlich, dass hier alles nur Fassade ist – wer hat denn hier ein Problem, die dicke Helen oder „Traumfrau“ Jeannie?

Julia Penners Inszenierung von „Fettes Schwein“ hat Tempo, bietet ebenso witzige Dialoge wie anrührende Momente und Tragik, sie ist mehr als gute Unterhaltung, denn sie gibt dem Zuschauer viele Fragen mit auf den Nachhauseweg – „Fettes Schwein“ ist starke Unterhaltung, „Fettes Schwein“ ist wertvoll, das neue TiC-Stück ist unbedingt sehenswert! Karten gibt’s unter Telefon 02 02-47 22 11 oder www.tic-theater.de.