Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

05.03.2016, 17.14 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Wolfgang Kroll: Der halbe Ortsteil sagte „Tschüss, Ali!“

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Mit Wackeln, Wunderkerzen, Rosen & Co. wurde Wolfgang Kroll (vo. mi.) von zu Hause abgeholt und im Cabrio zum Abschiedsfest kutschiert.

Ja, ist denn schon Hoffest oder findet der Küllenhahner Advent verspätet statt? Diese Frage stellte sich am Sonntagabend, 28. Februar 2016: In dem zu dieser Uhrzeit sonst so beschaulichen Dörper Ortsteil kam es da zu einem „Massenauflauf“. Aber diesmal wurde weniger ein Fest, sondern vor allem ein Mann gefeiert: Halb Küllenhahn und auch einige „Schwatte und Witte“, sprich „Außer-Küllenhahner“, waren gekommen, um Wolfgang Kroll in den Ruhestand zu verabschieden.

Der Bezirksschornsteinfeger in Küllenhahn und der oberen Südstadt ging am 1. März in den Ruhestand. Dass Wolfgang Kroll dazu mit einem Abschiedsfest von über 200 Gästen überrascht wurde, hat seinen Grund: Kroll kehrte fast 50 Jahre die Küllenhahner Kamine, kaum eine Person im Dörper Norden dürfte über alle Generationsgrenzen hinweg einen derartigen Bekanntheitsgrad besitzen.

Der Milchmann kommt nicht mehr, der Kohlenhändler ist auch Geschichte, die Briefträger wechseln vielfach – der Schornsteinfeger ist die letzte Institution, die noch regelmäßig ins Haus kommt. Für zwei Generationen im Kehrbezirk hatte diese Institution einen Namen: Wolfgang Kroll. Vor 48 Jahren begann er seine Lehre bei einer anderen Institution: Michael-Georg von Wenczowsky, Spross einer Schornsteinfeger-Dynastie und ebenfalls jahrzehntelang Kaminkehrer im Dorf.

Vor 46 Jahren im Kehrbezirk angefangen

Nach der Ausbildung wurde Kroll 1970 Geselle im Kehrbezirk Küllenhahn/Südstadt. 1974 absolvierte er die Meisterprüfung, sodass er 1991 den Kehrbezirk mit seinen etwa 1.500 zu betreuenden Häusern übernehmen konnte. Eigentlich habe er ja Landwirt werden wollen, den Schritt zum Schornsteinfeger bereut hat der 63-Jährige nie: Ob Heizungs- oder Kaminbau, ob die Energieberatung oder der Kontakt zu den vielen Menschen im Bezirk – „mir ist es nie langweilig geworden, ich würde es immer wieder so machen“, blickt Kroll auf seine fast 50 Jahre im Beruf und im Bezirk zurück.

Zumal der 63-Jährige nicht nur die Kamine kehrte, sondern quasi von Berufs wegen auch Glücksbringer war: „Das ist so schön – die Leute freuen sich immer“, versichert der Glücksbringer a.D., dass ihm dieses Berufs-Extra stets viel Spaß gemacht habe. Und das ist es auch, was Wolfgang Kroll vermissen wird: Die Arbeit an sich an den Nagel zu hängen, damit habe er kein Problem („48 Jahre sind genug“): „Den Umgang mit der Kundschaft, den werde ich vermissen – ich hatte eine tolle Kundschaft.“

Im Cabrio zum Abschiedsfest

Tja, und das stellte die „tolle Kundschaft“ eindrucksvoll unter Beweis: Unter der Federführung von Gudrun Balewski, Meike Wand und Birgit Schönenberg wurde im Geheimen ein Riesenfest ausgeheckt: In einem Fackelzug ging’s am Sonntagabend vor Wolfgang Krolls Haus in der Harzstraße – mit Kohle die Gesichter geschwärzt, mit selbstgebastelten Zylindern und Abschiedswimpeln sowie mit Rosen und Wunderkerzen ausstaffiert, baten die „Demonstranten“ ihren „Ali“ heraus – nachdem er ausgiebig geherzt worden war, wurde der Sportwagen-Fan in ein Triumph-TR3A-Cabrio, Baujahr 1959, bugsiert und dann von Gisela Windrath-Hinze in die Nesselbergstraße chauffiert.

In einer Halle der Schreinerei Krause stieg eine Fete, zu der viele Bier, Sekt, Salate, Kuchen und Grillwürste herbeigetragen hatten – bis nach Mitternacht feierten die Küllenhahner hier ihr Schornsteinfeger-Urgestein, ihren „Ali“. „Darum danke, darum danke, und wir wissen schon, du fehlst uns sehr, ein Stück Geschichte bist du, Wolfgang, dich vermissen, fällt uns schwer“, sangen sie in ihrem Abschiedslied auf Wolfgang Kroll.

„Maschinengewehr-Plapperer“ Kroll: „Das verschlägt mir die Sprache“

Und auch wenn man sich seit Jahrzehnten kennt, mit ihrem Abschiedsfest kehrten die Küllenhahner eine bislang unbekannte Seite des Kaminkehrers hervor: „Dass mich ein paar Menschen mögen, hätte ich gedacht – aber so viele“, zeigte sich Wolfgang Kroll von dem Fest überwältigt: „Das verschlägt mir ja fast die Sprache.“ „Das wäre das erste Mal“, schallte es da spontan aus der Festgemeinde zurück.

Und tatsächlich steckte Wolfgang Kroll seine Rührung schnell weg und wurde seinem Ruf als „Maschinengewehr-Redner“ wieder gerecht: Sichtlich genoss er das Bad in der Festmenge und die Gelegenheit zum Schwätzchenhalten mit seinen Kunden. Seit Dienstag sind sie „nur noch“ seine Freunde und Bekannten – aber was für welche…

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