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02.05.2016, 19.34 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

„Comedian Harmonists“ im TiC: Die Legende lebt (auf)

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Tolle Kostüme, schöne Kulissen, wunderbare Stimmen: Die „Comedian-Harmonists-Revue“ im TiC-Theater überzeugt von A bis Z. – Foto: TiC-Theater

Vorhang auf für die „Comedian Harmonists“ im TiC-Atelier Unterkirchen: In der auf den Hintergrund projezierten Kulisse der prächtigen Tonhalle München betreten sechs Männer in Fracks, mit viel Pomade im Haar und Nelke im Knopfloch, die Bühne. „Jeder kennt ihre Lieder“, kündigt sie der Conferencier an. So war das am 13. März 1934: Da gab das Sextett in München eines seiner letzten Konzerte in Deutschland.

Mit diesem Ende der Harmonists steigen Ralf Budde und Stefan Hüfner in ihre TiC-Revue ein. Goebbels wollte jüdische Künstler nicht mehr auf deutschen Bühnen sehen – und drei der Harmonists waren Juden. Die Nazis wussten zwar, dass sie Superstars waren, Ende 1933 begannen sie aber durchzugreifen – auch wenn die Texte der Harmonists gänzlich unverdächtig waren, die erste deutsche Boygroup fiel dem NS-Rassenwahn zum Opfer. Wobei: Unterwegs auf Tournee hätten die Harmonists in den USA bleiben können, doch sie kehrten zurück – sie verkannten die Gefahren, die über Deutschland aufzogen – wie so viele.

Die Geschichte der „Comedian Harmonists“ ist daher auch ein Kapitel dieser dunklen deutschen Geschichte, Ralf Budde und Stefan Hüfner zeichnen dieses Kapitel nach. Vom ersten Treffen des Vokalensembles in der Wohnung der Metzgerswitwe Martha Kesselbrink, in der Harry Frommermann zur Untermiete wohnte, bis zum Münchner Konzert lassen sie den Weg des Sextetts eindrucksvoll und unterhaltsam Revue passieren.

Original-Arrangements mit 140.000 Noten gesichtet

Für Stefan Hüfner war das eine fast sportliche Herausforderung: Der musikalische TiC-Leiter hörte sich durch die Original-Aufnahmen der „Comedian Harmonists“ und brachte ihre Arrangements in rund 140.000 Noten zu Papier. Was den legendären Schönklang des Ensembles ausmachte, das veranschaulichen Budde/Hüfner zu Beginn ihrer Revue anhand einer Proben-Szene. „Keiner darf sich was herausnehmen“, fordert da Harry Frommermann: „Es muss klingen wie eine Wand“.

Doch damit tun sich die Harmonists zunächst schwer: „Unterricht, damit meine Stimme klingt wie eine Wand – davon habe ich noch nichts gehört“, hadern sie. Sie beginnen brav, sind dann zu jazzig („Negermusik“), sie kämpfen mit Takten und Tönen: „Wir sind in Deutschland – ich kann auch Zickendraht.“ Mit Unterstützung von Manager Eric Charell (David Parke) stimmen sich sich ein, bekommen einen Vertrag – nun sind sie nicht mehr aufzuhalten.

Eine Wonne: Viele „Harmonists“-Evergreens sind dabei

Bewegliche Kulissenwände aus alten Koffern (Bühnenbild: Kerstin Faber) symbolisieren: Ein Leben aus dem Koffer beginnt, das Sextett tourt durch die Welt. Schließlich müssen drei Harmonists die Koffer packen – und flüchten. In den sieben Jahren zuvor wurden die Harmonists unsterblich: „Veronika, der Lenz ist da“, „Das ist die Liebe der Matrosen“, „In der Bar zum Krokodil“, „Schöne Isabella von Kastilien“ (auch wunderbare Kostüme: Kerstin Faber), „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder „Hallo, was machst du heut‘, Daisy?“ und natürlich „Wochenend und Sonnenschein“, die TiC-Revue erzählt die Geschichte des legendären Ensembles, indem sie viele der Harmonists-Evergreens einstreut – eine Wonne!

Aber schafft das TiC auch den unverwechselbaren „Sound“ der fabulösen Sechs? Ein klares „Ja“! Christopher Geiß als Ari Leschnikoff, Thomas Heyl (Erich Collin), Leon Gleser (Roman Cycowsky), Tobias „Obse“ Unverzagt (Robert Biberti), Benedict Schäffer (Harry Frommermann) und Dennis Gottschalk (Erwin Bootz) lassen auch den Klang der „Comedian Harmonists“ wieder aufleben. Das Leitmotto  „Keiner darf sich was herausnehmen“ gilt daher auch für die Kritik.

„Comedian Harmonists“ im TiC: Das Ensemble ist der Star!

Es  verbietet sich, einen der TiC-Harmonists herauszunehmen – die Mannschaft ist der Star, sie beschert dem TiC-Theater eine musikalische Sternstunde, einmal mehr! Eine Sternstunde, die gespickt ist mit lustigen Momenten; die bedrückende Szenen bietet, wie die Auftritte des Nazis (David Parke) oder O-Töne aus Reden von Goebbels und Hitler; und eine, die auch berührt: Bei der Liebeserklärung „Heute Nacht oder nie“ von Roman Cycowsky (Leon Gleser) an seine Marion (Luisa Herget) war es mucksmäuschenstill.

Umso lauter wurde es, als „Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn“ erklang: Das Publikum jubelte und hatte einen Riesenspaß an den „flatternden“ TiC-Hühnern. Zum melodramatischen Ende der Revue erklingt „Ein Freund, ein guter Freund“. „Ein Freund bleibt immer Freund, auch wenn die ganze Welt zusammen fällt“, heißt es darin. Nachdem die Welt wiederauferstanden war, traten die Harmonists nie wieder zusammen auf – schön, dass das TiC sie aufleben lässt!

Mit stehenden Ovationen feierte das Publikum die Revue – wer die Evergreens der Comedian Harmonists liebt, kann sich das nächste Gastspiel von Max Raabe mit seinem Palastorchester getrost einmal schenken. Karten für die neue Revue des TiC-Theaters gibt es unter Telefon 0202 47 22 11 oder via Internet unter www.tic-theater.de.