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30.05.2016, 19.13 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Frühstück bei Tiffany: „Big Apple“ im kleinen TiC-Theater

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Bescheren ein gelungenes Bühnen-Remake des Film-Klassikers: das „Frühstück bei Tiffany“-Ensemble des TiC. -Foto: Martin Mazur

Mit „Frühstück bei Tiffany“ brachte das TiC-Theater am 20. Mai 2016 „großes Kino“ auf seine kleine Bühne an der Borner Straße. Die Verfilmung des Bestsellers von Truman Capote ist legendär: Der von Henry Mancini komponierte Soundtrack gewann einen Grammy, sein Oscar-gekrönter Song „Moon River“ wurde zu den 100 besten Filmhits der US-Geschichte gewählt.

Dazu schaffte es der Film zu Nominierungen für den Oscar, den Golden Globe und die Laurel Awards, Hauptdarstellerin Audrey Hepburn avancierte als Holly Golightly zur Stilikone. Bei ihrem Schattenriss im TiC-Programmheft macht es direkt „klick“: Audrey Hepburn hat im engen schwarzen Kleid mit schwarzen Handschuhen und Zigarettenspitze Mode-Geschichte geschrieben.

Jessica Tietsche: Berliner Schauspielerin gibt Regie-Debüt

Der Kult-Liebeskomödie nimmt sich im TiC Jessica Tietsche an. Die studierte Schauspielerin aus Berlin gibt mit der Geschichte rund um die schillernde New Yorker Schickeria ihr Debüt auf dem Regiestuhl. Gelungen, darf attestiert werden: Das TiC-Publikum beklatschte die Premiere kräftig, denn Jessica Tietsche hat die Geschichte der Holly Golightly gefühlvoll inszeniert, ihre gegensätzlichen Facetten sowie die Melancholie und Society-Kritik des Romans fein herausgearbeitet.

Zur Handlung: Holly Golightlys Name ist Programm. So viel wie „Nimm’s leicht“ bedeutet ihr Nachname übersetzt und Holly nimmt’s leicht: Sie schläft bis in den Nachmittag und macht die Nacht auf den Top-Partys zum Tage. Sie ist jung, hübsch und von einer ansteckenden Leichtigkeit, sie ist der Darling der Klatschpresse und natürlich der Schickeria – zumindest des männlichen Teils. Einen Beruf hat sie keinen, braucht sie aber auch nicht, allein als Toilettengeld werden ihr 50 Dollar zugesteckt.

Wo die Liebe hinfällt: Leichtes Mädchen trifft „armen Poeten“

Als ihr eines Tages ein Verehrer zu sehr auf die Pelle rückt, flüchtet sich Holly über die Feuertreppe ins Appartment ihres Nachbarn. Paul lebt in einem ganz anderen Universum: In seinem schäbigen Zimmer verdingt er sich als Schriftsteller – ohne jeden Erfolg… Obwohl ihre Welten kaum gegensätzlicher sein könnten, ziehen sich die beiden doch an.

Aus Freundschaft entwickelt sich Liebe, doch Hollys Lebensplanung ist eine andere: Sie will einen reichen Verehrer an Land ziehen. Gemeinsam mit ihrer Rivalin Mag Wildwood buhlt sie um die fetten Fische, schließlich angelt sich Holly den reichen Brasilianer José (Regaip Cetin). Als sie Fred, wie sie Paul nach ihrem geliebten Bruder nennt, mitteilt, dass sie schwanger ist und heiraten wird, ist dieser tieftraurig.

Doch Hollys Pläne platzen – statt in die Kirche geht’s in den Knast. Zwar haut der stinkreiche O. J. Berman sie wieder raus, aber… – mehr wird nicht verraten. Aber auch wer weiß, wie die Kult-Geschichte weiter- und ausgeht, sollte sich ein „Frühstück im TiC-Tiffany“ gönnen. Swing ist nicht nur drin, weil Stefan Hüfner einen jazzigen „New York“-Klassiker ausgegraben und Noelle-Magali Wörheide elegante Kostüme geschneidert hat.

Film-Hit „Moon River“: Live auf der „TiC-Feuertreppe“

Einmal mehr begeistert auch das Bühnenbild: Janosh Plaumann schafft es durch ein- und ausziehbare Hintergründe die Szenerien an die Brooklyn Bridge, auf die Feuertreppe oder das einfache Paul-Appartment zu zaubern – Big Apple auf der kleinen TiC-Bühne! Last but not least überzeugen vor allem die Darsteller: Charlotte Reinke meistert den Spagat zwischen der oberflächlich-kecken Holly Golightly und deren wahrer Identität, der tiefgründig-verletzten Lula Mae Barnes aus ärmlichsten Verhältnissen. Und Charlotte Reinke singt den Evergreen „Moon River“ nicht nur ergreifend, sie begleitet sich auch noch auf der Gitarre!

Alexander Bangen ist als Fred die richtige Besetzung: Bangen mimt absolut überzeugend den erfolglosen Schriftsteller und schüchtern-stillen Liebhaber, der quasi als Hollys Antiheld doch ihr Herz erobert. André Klem macht als überdrehter „Schickeriaist“ O. J. Berman viel Spaß und setzt ebenso Kontrapunkte: Als Doc, der älterliche Ehemann von Lula Mae, schafft André Klem ebenfalls den Spagat und sorgt für einen der stillen Höhepunkte des Stückes.

Lars Grube sticht in der Rolle des exzentrischen Rusty Trawler heraus: Herrlich wie Grube auf den Society-Partys geradezu überzeichnet zwischen schwindelerregender Überheblichkeit und Wahnsinn wandelt, wie er sich von Holly oder auch von Mag Wildwood domestizieren lässt. Apropos: In der Rolle der mannstollen Mag spielt Leonie Stäblein nicht nur mit Bravour die zweite Femme fatale auf der TiC-Bühne, sondern gibt auch überzeugend eine Reporterin – gelungenes Debüt! Schade, dass Leonie Stäblein zum Schauspiel-Studium nach Hamburg wechselt und vielleicht auch schon wieder in der letzten TiC-Produktion zu erleben ist.

Karten und Infos zum TiC-Theater

Alles in allem zeichnet Jessica Tietsche das facettenreiche Sittengemälde der 1940er Jahre gelungen nach – es lohnt sich, getreu dem Lebenswandel von Holly Golightly, ein spätes Frühstück im TiC einzunehmen! Und auch, weil Jessica Tietsche zum Dessert, sprich zum Ende, mit einer echten Überraschung aufwarten kann. Karten fürs „Frühstück bei Tiffany“ gibt’s unter Telefon 0202 47 22 11 oder via Internet unter www.tic-theater.de.