Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

09.12.2016, 18.01 Uhr   |   Redaktion   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Ulrich Weidner: Herzblut-Seelsorger steigt von der Kanzel

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Möchten Cronenberg auch nach dem Pfarrdienst treu bleiben: Pfarrer Ulrich Weidner und seine Ehefrau bei der Abschiedsfeier.

Advent heißt aus dem Lateinischen übersetzt so viel wie „Ankunft“. Am ersten Adventssonntag wurde in der Evangelischen Gemeinde Cronenberg nicht nur Ankunft, sondern auch Abschied gefeiert: Nach fast 32-jährigem Dienst in Cronenberg wurde Pfarrer Ulrich Weidner in den Ruhestand verabschiedet. Nach einem Gottesdienst in der Reformierten Kirche, in dem Ulrich Weidner durch Superintendentin Ilka Federschmidt entpflichtet wurde, strömte die Gemeinde ins Zentrum Emmaus: Mit Grußworten, Musik oder auch Bildern sagte man hier dem „Dorf-Pfarrer“ auch ganz persönlich „Adieu“.

Superintendentin Ilka Federschmidt würdigte die Tätigkeit des Pfarrers: „Er hat die Gemeinde geprägt. Eine Ära geht zu Ende“, sagte Federschmidt. Auch Markus Boos von der Katholischen Gemeinde Hl. Ewalde fand liebevolle Abschiedsworte, genauso wie Vorsitzender Rolf Tesche vom Cronenberger Heimat- und Bürgerverein (CHBV) oder Bezirksbürgermeisterin Ursula Abé. Simone Enthöfer, viele Jahre Mit-Pfarrerin in Cronenberg und nun Jugendpfarrerin der Landeskirche, griff ebenso zum Mikrofon.

Ulrich Weidner: „Ein ganz beglückender Tag“

Während Spell’88 und der Neue Chor Cronenberg für die Musik sorgten, galt es für Ulrich Weidner sogar Rätsel zu lösen. So hatte Weidner auch den Begriff „Sommerkirche“ zu erraten – die sommerliche Gottesdienst-Reihe wurde seit 2010 zu einem Markenzeichen Weidners im gesamten Kirchenkreis. Nach dem mittäglichen Grünkohl hatte der Überraschungsempfang noch viele weitere Facetten – „es war ein ganz beglückender Tag“, zeigt sich Ulrich Weidner dankbar für das große Engagement der zahlreichen Mitorganisatoren und Helfer: „Ich bin durch ganz vieles sehr bewegt worden.“

Nun sucht Ulrich Weidner ein neues Zuhause für seine Ehefrau und sich: Drei bis vier Zimmer sollen es sein, möglichst in Cronenberg oder ganz nah dran – über 30 Jahre, nachdem der gebürtige Osnabrücker ins Dorf kam, möchte er hier bleiben: „Cronenberg ist mein Zuhause geworden.“ Die Herzlichkeit des Abschieds im Zentrum unterstrich: Dieses Heimatgefühl beruht auf Gegenseitigkeit – die Gemeinde fand in den vergangenen drei Jahrzehnten in Ulrich Weidner „ein seelsorgerisches Zuhause“.

Für Flüchtlinge und gegen den Nato-Doppelbeschluss engagiert

Rückblickend betrachtet könnte das überraschen: Als Ulrich Weidner im April 1985 ins Dorf kam, hatte er sich in der Landeskirche bereits einen Namen als „politischer“ Pfarrer gemacht: Er beschäftigte sich mit der Bekennenden Kirche in der Nazi-Zeit, hielt auf einem Ostermarsch die Andacht, engagierte sich in der Flüchtlingsarbeit oder war 1981 auch bei der legendären Demonstration im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss dabei – ein Kontrast-Engagement zum „beschaulichen“ Cronenberg. „Nach meiner Überzeugung sollte das, was wir sonntags von der Kanzel predigen, in den Alltag hineinreichen“, beschreibt Ulrich Weidner sein Credo, das jüngeren Datums auch zur Mitbegründung der ökumenischen Nachhaltigkeits-Reihe in Cronenberg führte.

Damit stieß er auf offene Ohren, selbst bei dem streitbaren damaligen Vorsitzenden des Bürgervereins: Mit Hans-Otto Bilstein habe er in Zeiten der Friedensbewegung ein intensives Gespräch geführt, erinnert sich Ulrich Weidner. Und auch wenn man hier und da unterschiedlicher Ansicht blieb, habe Bilstein ihm Respekt gezollt. Diese Szene ist vielleicht beispielhaft für die 32 Seelsorger-Jahre im Dorf: Ulrich Weidner mochte mit seinem auch am (politischen) Alltag orientierten Dienst nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stoßen.

Bonhoeffer, Barth oder auch Rau sind Vorbilder

Der Mensch und Pfarrer Weidner aber fand überall tiefen Respekt: Denn Weidner war nie Eiferer, sein politisch-gesellschaftliches Engagement fußte stets auf seiner biblisch-theologischen Orientierung, Weidner vergaß nie die Seelsorge, wie nicht zuletzt die von ihm begründeten Trauergesprächskreise bezeugen. Es habe an der Hochschule zwei Fraktionen gegeben, die „politische“ und die „fromme“, erinnert sich der Pfarrer – er selbst zählte sich zu keiner von beiden.

Weidner verortet sich vielmehr als „fromm-politisch“, als einen Theologen, der aus seiner biblischen Verwurzelung gesellschaftspolitische Konsequenzen zieht – ganz im Sinne von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer oder auch von Gustav Heinemann, Johannes Rau und Erhard Eppler, die Ulrich Weidner als prägend beziehungsweise Vorbilder benennt. Diese Grundhaltung hat ihm die Gemeinde abgenommen, selbst wer anderer Meinung war, wusste: Ulrich Weidner handelt aus ehrlich-christlicher Überzeugung.

„Weil ich mit Herzblut Seelsorger bin, habe ich mir Vertrauen erwerben können“, befindet Ulrich Weidner  – seine eindrucksvolle Verabschiedung legte Zeugnis ab von der tiefen Verbundenheit der Gemeinde. Und diese wird gewiss auch Ulrich Weidners Wohnungssuche im Dorf tragen…