Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

19.12.2016, 19.42 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Essen ist überall: Junges Helfer-Paar von Autofahrern angepöbelt

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Augen zu und nur schnell weiter, das war an dieser Stelle am Hahnerberg am vorletzten Samstag für viele die Hauptsache…

Zehn Wochen ist er her, aber nicht vergessen – der erschütternde Fall in Essen-Borbeck: In einer Bank war ein 82-Jähriger zusammengebrochen. Statt zu helfen, ließen Kunden den Mann am Boden liegen und stiegen sogar über ihn hinweg – der 82-Jährige starb schließlich im Krankenhaus. Für neuerliche Erschütterung sorgt nun ein Vorfall am Hahnerberg, hier lief es allerdings ganz anders.

Zwei junge Cronenberger kamen einer Frau, die am Steuer ihres Pkw zusammengebrochen war, zu Hilfe. Währenddessen wurden sie angepöbelt, beleidigt und sogar bespuckt. Inan Çoban, der mit seiner Freundin Pia Burghoff (20) Hilfsbereitschaft zeigte, berichtet von dem Vorfall im sozialen Netzwerk Facebook – die Resonanz ist enorm: Zigfach wurde die Schilderung geteilt und kommentiert – Quintessenz: Viel Lob für die beiden jungen Dörper, Entsetzen über die pöbelnden Autofahrer.

Pkw-Fahrerin war am Steuer kollabiert

Gegen 16.35 Uhr herrscht am  letzten Samstag viel Verkehr am Theishahner Kreuz. Ein Pkw, der in Höhe der dortigen Tankstelle auf der Überholspur in Richtung Cronenberg steht, sorgt für Stau – und für Frust: „Es wird gehupt, aus offenen Fenstern geschrien und mit durchdrehenden Reifen angefahren“, berichtet Inan Çoban. Auch der junge Küllenhahner, selbst Rettungsassistent und zudem Oberfeuerwehrmann bei der Freiwilligen Feuerwehr Hahnerberg (FFH), macht sich zunächst keine Gedanken.

Er biegt mit seinem Pkw auf das Tankstellen-Gelände ab, während des Tankens stutzen Inan Çoban und seine Freundin aber: Der Motor des Autos ist aus, die Warnblinkanlage nicht eingeschaltet und die Scheiben beschlagen – merkwürdig. Pia Burghoff geht hin, beim Blick ins Innere des Pkw ist schnell klar: Die Fahrerin benötigt Hilfe. „Die Frau war schweiß-nass, ihre Lippen blau angelaufen, sie zuckte“, erzählt Inan Çoban. Weil die Pkw-Türen verschlossen sind, wählen der Rettungsassistent und seine Freundin per Handy die Notrufnummer „112“.

Viel Aggression, kaum Hilfsbereitschaft

Derweil erlebt das engagierte Paar einen „Spießruten-Corso“ der vorbeifahrenden Autofahrer: „Schieb‘ den Scheißkarren an den Straßenrand!“ oder „Das ist ein Fahrstreifen, der ist zum Fahren da“, werden sie angeschrien, ihnen wird der „Stinkefinger“ gezeigt, Pia Burghoff als „Schlampe“ beleidigt und bespuckt. Besonders auffällig, so Inan Çoban weiter, sei eine dunkle Audi-Limousine gewesen: Obwohl die rechte Fahrspur frei gewesen sei, wäre der Audi-Fahrer hinter dem Notfall-Pkw stehen geblieben und habe die Dauerhupe betätigt: „Auf unsere Nachfrage, was das denn solle, antwortete die Beifahrerin in einem Tonfall, den ich hier nicht widerspiegeln möchte.“

Der Fahrer eines Linienbusses denkt wohl eher an seinen Fahrplan: Als ihn Inan Çoban um einen Nothammer bittet, lautet die Antwort: „Tut mir leid, die sind alle festgemacht – und ich muss jetzt auch weiter.“ So dachten offensichtlich die allermeisten in den dramatischen Minuten am Theishahn: Im Vorbeifahren schnell Frust abbauen statt mal nachzufragen: „Ein einziger Mann (30-40 Jahre alt) hat angehalten und gefragt, ob er uns helfen könnte“, zeigt sich Inan Çoban erschüttert: „Ein einziger Mann!“

Inan Çoban: „Sowas gibt es auch in unserem Dorf…“

Nachdem dann von den eingetroffenen Rettungskräften die Heckscheibe eingeschlagen und die Frau aus dem Pkw geborgen und ins Krankenhaus gebracht worden war, stellte sich wiederum bei Inan Çoban Frust ein: „Wie lange hätte dieses Auto da gestanden, wenn wir nicht Tanken gewesen wären“, fragt sich der 23-Jährige: „Menschen, welche liegengelassen werden und denen niemand hilft, gibt es nicht nur in Essen oder in Großstädten. Sowas gibt es auch in unserem Dorf.“

Warum das so ist, lässt Inan Çoban rätseln: „Ob die Leute so im Stress sind – keine Ahnung, ich kann mir ein solches Aggressionspotenzial nicht erklären.“ Eines weiß Inan Çoban aber: Es muss sich was ändern – in Essen, im Dorf und wahrscheinlich überall in der Republik. Um einen Anstoß dazu zu geben, postete Inan Çoban seine Erlebnisse bei Facebook – statt zu hupen helfen die pöbelnden Autofahrer dann vielleicht beim nächsten Mal. Hoffentlich…