Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

31.01.2017, 19.45 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Stehende Ovationen: Kabarett-Talfahrt bei Knipex gefeiert

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Betreiben seit acht Jahren erfolgreich satirische Heimatpflege: Ulrich Rasch (li.), Jens Neutag und Jürgen H. Scheugenpflug (v.l.).

„Wuppertal wie es singt und lacht“, das ist einmal mehr das Motto der „Talfahrt“: Jens Neutag, Ulrich Rasch und Jürgen H. Scheugenpflug nehmen das Wuppertal-Jahr 2016 aufs Korn und arbeiten sich durch die Schlagzeilen des Jahres, streuen „Abgesänge“ ein und wagen Ausflüge in die große Politik – das Publikum freut’s mächtig.

Mitte Dezember startete das Kabarett-Trio in Vohwinkel seine Tournee durchs Tal – stets vor ausverkauften Häusern gaben Neutag, Scheuge & Rasch bislang ihren kabarettistischen Jahresrückblick zum Besten. Anfang der letzten Woche machte die „Talfahrt 2016“ Station im Dorf und das warf die Frage auf: Haben ausgerechnet die Dörper den meisten Wuppertal-Spaß? Auf der Höhe im Knipex-Forum gaben sich die Talfahrer hintereinander nämlich zweimal die Ehre – beide Abende volles Haus an der Oberkamper Straße.

Hand aufs Herz: Ob’s am Bergischen Heimatlied lag, das auch diesmal – natürlich stehend, wie es sich bei der Cronenberger Hymne gehört – zum Beginn der Abende intoniert wurde? Sicherlich auch, vor allem aber erfreuten sich die Dörper „Talfahrt“-Fans an dem neuerlichen Schweinsgalopp durchs Wuppertal-Jahr. Dabei gibt das Kabarett-Trio wieder ordentlich Kniegas: Der Lindenberg-Hit „Schwere Zeiten“ wird dort verortet, wo er gelebt wird – in Wuppertal, natürlich!

„100ste Geburtstage konnte Ex-OB Jung besser…“

Panagiotis Paschalis und Manfred Zöllmer sowie Michael Müller und Jürgen Hardt erleben dabei besonders schwere Zeiten. Immerhin – politisch korrekt – je zwei Vertreter von SPD und CDU. Das war’s dann aber auch schon an Korrektheit: SPD-Beteiligungsdezernent Paschalis steckt mehr im Urlaub als im Amt, für seine Verdienste in Berlin werde nach Bundestagsaussteiger Zöllmer bestimmt mal eine Sackgasse benannt, prophezeien „Scheuge“ und Neutag, MdB Hardt bezeichnen sie ob seiner Trump-Gratulation als Krankheitsbild und CDU-Ratsfraktionschef sowie Imbiss-Besitzer Müller wird zum „Reichswürstchenführer“ ernannt – deftig.

OB Andreas Muckes Startzeugnis fällt vergleichsweise glimpflich aus: Das Aus des Streichelzoos auf dem Weihnachtsmarkt verbuchen die Talfahrer als klaren Mucke-Pluspunkt. Aber es gibt auch Abstriche: „Hundertste Geburtstage konnte Jung besser“, attestierten Scheuge und Neutag – kein Wunder, dass es heute keine 100sten mehr im Tal gebe. Jung bescheinigen sie mit seiner Wahl zum Chef des Sauerländischen Gebirgsvereins einen Gipfelsturm – vom Schuldenberg auf den Kahlen Asten.

Seilbahn: Anwohner-Angst wegen Ummelde-Furcht

Neben den turnusmäßigen Urlaubsmeldungen von Panagiotis Paschalis avanciert das Chaos am Einwohnermeldeamt zum Talfahrt-Dauerbrenner: „Pokemon go“-Fieber auch in Wuppertal? Könnte auch die Schlange vor dem Meldeamt gewesen sein. Ameisenbär „Chiquita“ neu im Zoo – und dann in der Schlange vor dem EMA. Kröten-Tod wegen Ikea-Neubau – Pech für BUND-Chef Liesendahl, denn der musste jede Kröte einzeln am Steinweg abmelden. Auch was hinter der Kritik der Seilbahn-Anwohner steckt, wissen Neutag und Scheuge: nicht die Angst vor Zwangsenteignungen, nein, die Furcht vor der Ummeldung am Steinweg.

„Skywalk“: Eine Viertelmillion für Blick auf Heckinghausen

Komisch, dass die Seilbahn ansonsten nicht ins Fadenkreuz gerät, keine Überraschung aber, dass es für Barmen traditionell wieder „dicke“ kommt: Die Schwarzbach wird zum Nordkorea Wuppertals erklärt, „Barmen live“ beweise, wie tief man sinken könne ohne zu fallen, und auch der „Skywalk“ im Nordpark kann nicht punkten: „Eine Viertelmillion, um auf Heckinghausen zu gucken – das ist eine Nahtod-Erfahrung“, finden die Kabarettisten.

Auf Cronenberg singen Scheuge, Neutag und Rasch derweil ein Liebeslied: „Bona sera, ich möchte einmal noch in Vonkeln picken und in Hintersudberg… – frühstücken“, holpern sie, einen Reim machen sie sich auf die bescheidene Hinrunde des CSC in der Oberliga: Kein Wunder, mit der Abfallwirtschaftsgesellschaft als Trikotsponsor… Dass ein Cronenberger sein Craft Beer in einem Barmer Grill verkostet, passt besser: „Da wächst zusammen, was zusammen gehört“, finden die Talfahrer.

Abwrack-Prämie gegen Wuppertal-Überalterung: Direkt-Termin beim Meldeamt

Dazu trägt auch bei, dass Jens Neutag ausdrücklich auf das Erwähnen von Ziegen verzichtet, das Thema „Fake News“ lässt er aber nicht aus: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“, habe es doch schon vor 50 Jahren geheißen – Fake-News gab’s also immer, schlussfolgert Neutag, um zu appellieren: „Geben sie das Denken nicht komplett auf!“ Teewurst jedenfalls schmecke am besten, wenn man sie drei Minuten ziehen lasse…

Und noch eine Empfehlung halten die Kabarettisten bereit: die Einführung einer Abwrackprämie im Kampf gegen die Überalterung Wuppertals. Wer seinen Senior abgibt, werde auch von der Warteschlange befreit – natürlich geht’s auch bei der Prämie um die Schlange vorm Meldeamt. Bevor sich das Publikum in die Schlange am Knipex-Ausgang einreihte, prämierte es die „Talfahrer“ mit stehendem Applaus – ohne Zugaben ließen die Cronenberger Neutag, Rasch und Scheugenpflug nicht weiter auf Talfahrt gehen…

Große Nachfrage: Talfahrt-Finale in Hako-Halle verlegt

Warum die Talfahrer froh sind, dass die Geißens im Ausland leben, oder die RWE-Fans falsch liegen, wenn sie alle WSV-Anhänger für Hurensöhne halten, und nicht zuletzt, warum der Blitzer an der Parkstraße die meisten Fotos schießt, das ist noch am 3. Februar 2017 zu erfahren – dann ist die Talfahrt 2016 letztmals bei Hako in Vohwinkel zu erleben. Aufgrund der großen Nachfrage für das Finale wurde die Vorstellung in die Hako-Halle verlegt. Karten gibt’s im Internet unter www.wuppertal-live.de.