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08.05.2017, 20.54 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

TiC-Theater: „Wilkommen, bienvenue,…“ zum Knüller „Cabaret“

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Brillieren umrahmt von den Kit Kat-Girls: Anastasiia Jungk (vo.) als Sally und Leon Gleser als Conferencier. -Foto: Martin Mazur

Nach Krimi und Komödie ist das Musical „Cabaret“ die dritte Premiere 2017 im TiC-Theater. Der Welterfolg spielt im Berlin der frühen 1930er Jahre. US-Schriftsteller Clifford Bradshaw (Dennis Gottschalk) kommt in die deutsche Hauptstadt , denn Berlin ist angesagt: „Alles ist so hektisch, so übertrieben hier….“ Clifford mietet sich in der Pension des Fräulein Schneider (Monika Owart) ein. Die „Jungfer“ legt Wert auf Anstand, drückt aber auch ein Auge zu, dass sich das Fräulein Kost (Saskia Deer) mit „Männerbesuchen“ über Wasser hält. Anschluss sucht auch Herr Schultz (Hans-Willi Lukas): Der verwitwete jüdische Obsthändler macht Fräulein Schneider den Hof.

Durch die Zufallsbekanntschaft mit Nazi Ernst-Ludwig gerät Clifford nicht nur an sein Zimmer. Ernst-Ludwig führt ihn auch im „Kit Kat“-Club ein – der heißesten Adresse von Berlin. Das Varieté ist ein Spielplatz von Paradiesvögeln, die auf der Suche nach Spaß und Abenteuer sind. Clifford gerät hier in den Bann von Sally Bowles (Anastasiia Jungk). Das Kit Kat-Girls ist aber gerade vergeben. Als sie den Laufpass erhält, steht sie vor Cliffords Tür – und zieht ein.

Von den Goldenen Zwanzigern in die Nazi-Zeit: „Berlin kotzt auf die Straße…“

Und auch Herr Schultz kann sein angebetetes Fräulein Schneider erobern – steuert die Geschichte auf ein Happy End zu, das Kit Kat Club-Conferencier (Leon Gleser) im Titel-Hit „Cabaret“ besingt: „Here life is beautiful…“? Tut sie nicht – der braune Geist wird salonfähig. Nazi Ernst Ludwig (fast beängstigend: Joachim Kirchner) trägt die Hakenkreuz-Binde nun offen am Arm und macht dem Fräulein Schneider klar, sich nicht mit dem Juden Schultz einzulassen. Schneider löst ihre Verlobung mit Schultz: „Man kann die Nazis nicht länger ignorieren.“

Clifford ist entsetzt: „Berlin kotzt auf die Straße“, sagt er: „Was wollen wir noch hier?“, fragt er und packt die Koffer… „Cabaret“ zeigt auf, wie die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte die Goldenen Zwanziger ablöst, wie das weltoffene Berlin sich anschickt, zur Hauptstadt des Bösen zu werden. Das „Polit-Musical“ skizziert den Wandel anhand der Club-Subkultur und der beiden Liebespaare. Anrührend, wie kleinbürgerlich-piefig Hans-Willi Lukas – statt mit Rosen – mit Äpfeln, Orangen und einer Ananas um die Gunst von Monika Owart wirbt. Man hofft mit ihm, man freut sich mit ihm – ach, möchte man ächzen, Owart/Lukas‘ Duett „Die Ananas“ ist einfach nur schön…

Wie bei legendärer Verfilmung: Acht Oscars für die TiC-Inszenierung!

Große Gratulation ebenso an Dennis Gottschalk und Anastasiia Jungk als ungleiches Paar, das im „Affentheater Berlin“ scheinbar sein Glück findet. Brillant meistert Anastasiia Jungk den Spagat: Hier die leichtlebige Sally, dort der Unschuldsengel in einer Zeit, die ihre Unschuld verliert. „Jeder sollte so leben wie er will“, hört man sie sagen: „Politik – was hat das mit uns zu tun?“ Ob der Titelsong „Cabaret“, „Mein Herr“ oder „Maybe this time“ – Jungk ist als Sally ein mitreißender Vamp in aufreizenden Strapsen und mit beeindruckender Stimme.

Sie ist sinnlich, sie ist betörend, sie ist vulgär – „das ist richtig gut“, lobte ein  Premierenzuschauer. Und tanzen kann die Jungk auch noch – Hut ab! Szenenapplaus und „Bravo-Rufe“ erntete auch Leon Gleser: Dass er singen kann, weiß der TiC-Zuschauer. Als Conferencier in „Cabaret“ erlebt Gleser eine Sternstunde. Joel Grey, der für seine Rolle als Conferencier in der Cabaret-Verfilmung mit dem Tony Award und dem Oscar geehrt wurde, darf beide Preise getrost an Leon Gleser weiterreichen – wow!

Musical-Star Paul Kribbe sorgt für die Choreografie

Das Glanzstück „Cabaret“ im TiC machen die Kit Kat-Girls Mirca Szigat, Jeannine Divoux, Lara Kocherscheid und Kerstin Trant komplett – wenn das Quartett viel Haut zeigt, im aufreizenden Mieder über die Bühne tanzt und dabei „reizend“ singt, wird das TiC-Atelier endgültig zum verruchten Cabaret – rote Schirmchen-Lampen auf den Tischen, wunderbare Kostüme und ein cleveres Bühnenbild (beides Kerstin Faber) sind weitere i-Tüpfelchen. Ein Ritterschlag ist derweil die Mitarbeit von Paul Kribbe.

Dass sich ein bekannter Sänger, Regisseur und Choreograf, der von „Wetten dass“ bis zur Echo-Verleihung seit 30 Jahren vielfältig auch im Fernsehen unterwegs ist, für die Mitarbeit im TiC-Theater interessiert – hoppla! Kribbes Choreografien sind das Sahnehäubchen der „Cabaret“-Inszenierung im TiC, auch deswegen: Volle Punktzahl für die Musical-Macher Ralf Budde (Regie) und Stefan Hüfner (Musik)!

Karten und Zusatz-Vorstellungen

Karten für das neue TiC-Musical gibt es unter Telefon 0202 47 22 11, im Theaterbüro an der Hauptstraße 3 sowie unter www.tic-theater.de. Wer „Cabaret“ schon bald sehen möchte, muss sich ran halten: Die Karten-Nachfrage ist groß. Daher hat das TiC-Theater im Juni bereits einige Zusatzvorstellungen angesetzt: Zusätzlich ist „Cabaret“ am 10., 16. und 17. Juni 2017 jeweils um 20 Uhr im Atelier Unterkirchen zu sehen.