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30.06.2017, 17.08 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Matthias Neumann: Ein Dörper Künstler mit vielen „Saiten“

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Matthias Neumann mit seinem Katalog, der unter der Überschrift „Ungeteilte Aufmerksamkeit“ im Nacke-Verlag erschienen ist. -Foto: Meinhard Koke

Für manche seiner Werke springt er in die Luft, andere haben einen Vorlauf von einem halben Jahr, bis die Motive endlich so sind wie er sich das vorgestellt hat, für einige Arbeiten lässt sich Matthias Neumann auch mal 30 Stunden Zeit. Damit nicht gemeint ist die musikalische Arbeit des 57-Jährigen, der in Essen und Berlin Musik studierte und seit 1991 als Bratschist dem Sinfonierorchester Wuppertal angehört.

Die Musik ist die eine Berufung von Matthias Neumann, die Fotografie ist die andere. Damit er sich dieser Leidenschaft intensiver widmen kann, hat sich Neumann als Berufsmusiker „kleinergesetzt“: Die halbe Stelle im Sinfonieorchester ließ ihm die Zeit, an der Fachhochschule Bielefeld ein Studium der „Künstlerischen Fotografie“ „dranzuhängen“, sie lässt ihm zudem die Zeit, um zum Beispiel vor dem Abrissgerippe des ehemaligen „Koch am Wall“-Gebäudes oder auch an der Rolltreppe im Kölner Hauptbahnhof so lange durch die Kamera zu schauen, bis endlich alles stimmt.

Von wegen Schnappschüsse – mitunter Tage „auf der Pirsch“ für das eine Foto

Der Betrachter möchte auf den ersten Blick meinen, dass es sich bei den Neumann-Fotografien aus der Reihe „Urbanics“ um Schnappschüsse, um Momentaufnahmen handelt. Weit gefehlt: Stundenlang, manches Mal auch mehrere Tage, harrt Matthias Neumann aus und macht hunderte Fotos, bis der Moment da ist, in dem sich Raum, Fläche und Zeit zu einem Motiv verbinden, das Matthias Neumann komponieren wollte. „Schauen Sie mal“, erklärt der Fotokünstler: Nur eine einzige Person schaue aufs Handy, die Farbe des Plakats an der Wand werde vom Pulli einer Frau auf der Rolltreppe sozusagen gespiegelt, im früheren Kaufhaus-Torso dahinter schimmerten die verwaisten Treppenhäuser nur zu diesem Zeitpunkt durch, weil nur hier die Sonne durch die Häuserschluchten auf die Abbruch-Fassade falle, und so weiter… – es ist spannend, was Matthias Neumann zu seinen Foto-Werken zu erläutern weiß.

Auch wenn die „urbanen“ Bilder Momentaufnahmen sind – das macht wohl den Unterschied vom Schnappschuss zur Kunst aus. Das Ziel des Fotokünstlers Matthias Neumann sind „Bilder, die bleiben“: „Hinter meinen Fotografien steckt viel Überlegung, sie haben etliche Phasen hinter sich, bevor ich sie zeige“, erklärt der Küllenhahner. Das gilt auch für sein Foto aus der Historischen Stadthalle: Ein 15 Meter hoher schwarzer Vorhang hängt mitten im prächtigen Großen Saal und steht in einem fast verstörenden Kontrast zur grandiosen Pracht der guten Stube der Stadt. Die gestochen scharfen neobarocken Verzierungen der Decken und Wände beißen sich geradezu mit dem „schwarzen Nichts“ des Vorhangs – „man muss hängen bleiben und sich fragen: ,Was ist das, was soll das‘“, möchte Matthias Neumann beim Betrachter bewirken – mit seinem Stadthallen-Bild, das vom Kunst- und Museumsverein angekauft wurde und mittlerweile im Rathaus Elberfeld hängt, ist ihm das sicherlich gelungen.

„Ich glaube, dass meine Arbeiten irgendwie schön sind…“

Gleiches gilt für die „Verwischungen“, ein weiteres Markenzeichen der Fotografie Neumanns. Durch Langzeit-Belichtungen und Bewegung abstrahiert der 57-Jährige Landschaften, Personen oder auch Architektur und entrückt sie so ihrem Bezug. Die Landschaftsbilder wirken wie Gemälde, Neumann treibt seine Kunstform geradezu auf die Spitze und schafft Raum für Neuinterpretationen. Faszinierend auch die „Vereisungen“. Der Titel ist wörtlich zu nehmen: Neumann schneidet mit der Kamera vereiste Uferstellen geradezu aus, er friert die eigentlichen Motive ein und lässt völlig neue Bilderwelten entstehen – „man kann in meinen Bildern selten Raum verorten“, beschreibt der Fotokünstler sein Geheimnis, seine Ziel ist Ästhetik, sind Bilder, die anlocken, die gefallen.

Infos & Ausstellung

„Ich glaube, dass meine Arbeiten alle irgendwie schön sind“, sagt Matthias Neumann, wer sich selbst davon überzeugen möchte, hat am ersten Juli-Wochenende die Gelegenheit dazu: Erstmals stellt der Cronenberger Foto-Künstler, der 2010 den 1. Preis beim internationalen Wettbewerb „Glanzlichter 2010“ gewann , 2011 Finalist beim Wettbewerb „Memorial Maria Louisa“ war und zweimal mit dem Opus-Fotografiepreis ausgezeichnet wurde, dann seine Arbeiten am heimatlichen Küllenhahn aus. Im Rahmen seiner Ausstellung zeigt Neumann unter der Überschrift „Mixed Pickles“ in den Atelier- und Unterrichtsräumen seiner Ehefrau Nora Niggeling eine Auswahl seiner groß-und kleinformatigen Fotoarbeiten sowie einen Querschnitt aus der Serie der „Verwischungen“.

Die Ausstellung am Nöllenhammerweg 10-16 (Firmengelände Schmersal) ist am morgigen 1. Juli 2017 von 14 bis 18 Uhr und am folgenden Sonntag von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Mehr Infos zum Künstler sind auch online unter www.matthias-neumann.com abrufbar.