21.08.2018, 18.57 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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„Mein Herz hängt dran“: Cronenbergs letzter Tante-Emma-Laden

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Ein Cronenberger, ja sogar ein Wuppertaler Einzelhandels-Urgestein: Hildegard Tesche steht seit 60 Jahren in dem fast 125 Jahre alten Kuchhauser Geschäft hinter der Theke – Hut ab! -Foto: Meinhard Koke

Am 7. und 8. September 2018 heißt es auch in Wuppertal „Heimat shoppen“. Die Aktionstage sollen Bewohnern und Besuchern unter anderem auch in Cronenberg aufzeigen, dass lokal Einkaufen Trumpf ist – weil es den Einzelhandelsstandort Cronenberg stärkt und damit ihr eigenes Lebensumfeld.

Noch ist es lebendig im Dorf, Internet-Handel, große Supermärkte und Discounter machen es den Dörper Geschäftsleuten aber zunehmend schwer – Geschäftsaufgaben und Leerstände entlang der Hauptstraße zeugen davon. Die Aktion „Heimat shoppen“, an der auch zwölf Dörper Geschäfte teilnehmen, soll den Kunden verdeutlichen: Sie haben es mit ihrem Einkaufsverhalten selbst in der Hand… – ob sie in Zukunft zum Beispiel noch entlang der Hauptstraße einkaufen können.

Von Butter bis Bekleidung: Alles „in einem Rutsch“ zu haben

Oder auch in Kuchhausen: An der Ecke Neukuchhausen/Kamp liegt ein Einzelhandelskleinod – das Geschäft von Hildegard Tesche ist Cronenbergs letzter Tante-Emma-Laden, vielleicht sogar der letzte von ganz Wuppertal. Bereits seit 1894 bekommt man hier Lebensmittel, seit den 1970er-Jahren kann man in einem Rutsch sogar den Bekleidungs-Einkauf erledigen.

In diesem Jahr steht Hildegard Tesche stolze 60 Jahre hinter der Ladentheke. Bis zum Jahr 2015 führte sie das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann Hans, dessen Großeltern das Geschäft Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten. Bis er im hohen Alter von 88 Jahren starb (die CW berichtete), waren Hans und Hildegard Tesche täglich gemeinsam für ihre Kunden da, seit 2015 führt Hildegard Tesche Boutique und Lebensmittelgeschäft allein weiter.

 Die Boutique von Hildegard Tesche bietet von Strümpfen und Unterwäsche bis hin zu Blazern und Kleidern alles für die Frau, aber auch einiges für den Herrn… -Foto: Meinhard Koke

Die Boutique von Hildegard Tesche bietet von Strümpfen und Unterwäsche bis hin zu Blazern und Kleidern alles für die Frau, aber auch einiges für den Herrn… -Foto: Meinhard Koke

Sechs Tage in der Woche hat sie von früh bis spät ist an der Ecke Neukuchhausen/Kamp geöffnet, wenn es donnerstags und freitags auf den Großmarkt beziehungsweise in den Großhandel geht, dann ist Hildegard Tesche bereits ab 5 Uhr auf den Beinen. Gerade einmal an zehn Tagen im Jahr gönnt sie sich mit ihren immerhin auch schon 80 Jahren eine kleine Erholung – die Schwester hilft hin und wieder mit.

Hildegard Tesche: „Ich habe einen Vergess-Laden…“

So richtig lohnenswert ist das schon lange nicht mehr: Früher, berichtet Hildegard Tesche, habe sie zahlreiche Stammkunden weit über Kuchhausen hinaus gehabt, die nicht nur ihre Lebensmittel-, sondern auch die Bekleidungseinkäufe bei ihnen erledigten. Diese treue Kundschaft, bedauert die wackere Einzelhändlerin, sterbe aber aus: „Für uns Kleine ist der Zug abgefahren“, glaubt Hildegard Tesche.

Die Leute kauften zunehmend im Internet beziehungsweise führen zum Einkaufen am liebsten zu den großen Supermärkten, sogar bis nach Hasten. Individuelle Beratung? Werde heute nicht mehr gebraucht, viele ihrer Kunden kämen nur noch für einzelne Produkte bei ihr rein: „Ich habe einen Vergess-Laden“. Nötig hat sie es nicht, lohnend ist es auch nicht mehr – warum gibt sie dann den letzten Mohikaner der einst zahlreichen Tante-Emma-Läden Cronenbergs? Warum tut sich Hildegard Tesche das weiterhin an?

Hildegard Tesche: „Bis ich umfalle, mache ich weiter…“

Weil sie sich der Tradition verbunden fühlt, die ihren verstorbenen Mann bis zuletzt hinter der Theke stehen ließ. „Es ist eigentlich Quatsch, dass ich das mache“, gesteht Hildegard Tesche ein, „aber wenn man sein ganzes Leben gearbeitet hat, dann braucht man das.“ Und: „Mein Herz hängt daran, ich hänge an meinen Kunden – wenn das nicht so wäre, dann würde ich das nicht mehr machen.“

So lange es ihre Gesundheit zulässt, „bis ich umfalle“ wird Hildegard Tesche daher weiter morgens die Ladentüren am Kamp aufschließen, mit ihr wird die fast 125-jährige Tradition in Kuchhausen aber enden: „Mein Sohn müsste ja bekloppt sein, wenn er das hier übernähme“, spricht Hildegard Tesche Klartext, „so doof bin ich nur noch“.

„Heimat shoppen“ Nicht nur im Dorf, auch in Kuchhausen

Vielleicht tragen die Aktionstage „Heimat shoppen“ dazu bei, dass Hildegard Tesches „Doofheit“ zukünftig etwas mehr belohnt wird – nicht nur am 7./8. September und nicht nur, wenn beim Discounter-Einkauf was vergessen wurde. Dann wird man vielleicht weiter auf Kuchhausen einkaufen können, an der Hauptstraße und sonstwo im Dorf – wie gesagt: Wir haben es in der Hand…!

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