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30.07.2019, 16.10 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

„Wuppdika…!“ Ovationen für Talfahrt-Extra zum Stadt-Geburtstag

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Deklinierten als „Senioren-Gang“ die „Machtergreifung“ im Tal durch: die Kabarettisten Ulrich Rasch, Jens Neutag und Jürgen Scheugenpflug (v.l.). | Foto: Meinhard Koke

Wussten Sie, dass die Stadt Wuppertal bei ihrer Gründung 1929 über 410.000 Einwohner hatte? Rund 60.000 weniger sind es heute – und wo sind die geblieben? Die Anwort gab’s am vergangenen Wochenende im Atelier des TiC-Theaters: „Einige im Weltkrieg, manche bei „Barmen live“ und einer beim Picken in Vonkeln…“, so lautete die Erklärung der „Talfahrt“.

Jens Neutag, Ulrich Rasch und Jürgen Scheugenpflug gastierten gleich drei Abende mit ihrem Kabarett-Programm zum 90. Stadt-Geburtstag in Unterkirchen – für die „Langer Tisch“-Zugabe gab es stehende Ovationen. Zweieinhalb Stunden ritten die drei Kabarettis-ten im Schweinsgalopp durch die Wuppertal-Geschichte. Es gab bissige Gags, jede Menge Schenkelklopfer, aber auch das eine oder andere zum Fremdschämen, viel Musik und sogar ein Liebeslied auf Cronenberg oder auch die Erkenntnis: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Schwebebahn in zwölf Monaten wieder flott gemacht – „das brauchen die heute allein für ein Gutachten…“

„Hungerstadt“: Wuppertal war schon 1930 erstmals pleite

Beginn des Kabarett-Abends war aber natürlich nicht mit der Stunde Null nach dem Krieg, sondern mit der Wuppertal-Gründung im Jahr 1929: „Groß-Wupp“ oder „Hungerstadt“, so lauteten zwei Vorschläge für das neue Stadt-Gebilde. Die Wahl war wohl schwierig – erst im Januar 1930 stand der Stadt-Name Wuppertal fest. Immerhin noch rechtzeitig, denn so Jürgen H. Scheugenpflug und Jens Neutag genüsslich: Schon Ende 1930 war Wuppertal ja pleite und ein Kommissar übernahm das Ruder: „Das war nicht Slawig…“.

Auch die Ernennung Adolf Hitlers zum Wuppertaler Ehrenbürger bereits im April 1933 ließen „Scheuge“ und Neutag nicht aus: Als Belohnung habe Hitler eine Schwebebahnfahrt erhalten, während Propagandachef Goebbels umsonst auf Schwerbehinderten-Ausweis mit durfte, scherzten sie. Deftig war ebenso ihr Hinweis auf das Jahr 1948 und den Beginn der Enttrümmerung Wuppertals – „die ist bis heute nicht abgeschlossen“ – da klopfte sich das Atelier auf die Schenkel.

Chemie statt Lachse: „Fritze, wie tot ist die Wupper…?“

Aber die Talfahrt sorgte auch für Wehmut: Zum Beispiel als das Jahr 1950 an die Reihe kam und damit der berühmte Tuffi-Sprung aus der Schwebebahn. „Zur Erinnerung, das ist was Grünes, da hängt was dran“, „beamten“ sich die Talfahrer in die Gegenwart zur derzeitigen Schwebebahn-Pause. Wieso Tuffi überhaupt in die Wupper sprang, ist nach dem Talfahrt-Abend die Frage – wo doch die Kinder in den Fünfziger Jahren riefen: „Fischers Fritze, wie tot ist die Wupper…?“ Und zumal das Bayer-Jubiläum 1961 damit begangen worden sei, dass zur Feier des Tages Farbreste im Bergischen Amazonas verklappt wurden.

Aber die Wirtschaftswunder-Zeit im Tal war nicht nur schlecht. Schließlich erblickte Jürgen Hartmut Scheugenpflug 1956 in Barmen das Licht der Wuppertaler Welt – da brandete Zwischenapplaus im Atelier auf. Einen „Wirkungstreffer“ landeten die heiteren Chronisten auch mit ihrem Blick auf die nur zehnmonatige Amtszeit von Johannes Rau als Wuppertaler Oberbürgermeister in den Jahren 1969/70: „Wer länger im Amt ist, ist für nichts anderes zu gebrauchen…“ Apropos Rauchen: Auch „die börse“ fand Eingang in die Wuppertal-Chronik der Talfahrer: „All die Rocker, die sich nicht auf der L74 platt gefahren haben, knallten sich da abends die Birne zu“, war zur Eröffnung des Kommunikationszentrums im Jahre 1974 zu vernehmen.

Auch wer wissen wollte, warum Sozialdezernent Dr. Stefan Kühn „Schmeissig-Fliegen“ trägt, Cronenberg seit 1959 einen „Filmriss“ hat, wie Wuppertal auf einen Schlag seine Schulden halbieren konnte, warum sich die Heckinghauser bis heute nicht waschen, was sich die Barmer 1963 leisteten, damit sie nicht länger zum Pinkeln nach Elberfeld fahren mussten oder auch was 1988 geschah, sodass die Wuppertaler erleichtert aufriefen: „Endlich, Cronenberg ist isoliert…!“, war im TiC-Atelier richtig – die Sonderedition ließ keinerlei Fragen offen: Mit stehendem Applaus feierten die Atelier-Besucher die Jubiläums-Talfahrt.

Wer sie verpasst hat, hat noch eine Chance: Am 29. September 2019 ist die Talfahrt-Sonderedition letztmals zu erleben. Karten für den Heimatpflege-Abend in der VillaMedia am Arrenberg gibt es unter wuppertal-live.de.

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