Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

22.12.2020, 12.10 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

CMC: Ausgerechnet im Jubiläumsjahr bleiben die Stimmen stumm

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Unser Archivbild zeigt den Cronenberger Männerchor auf der Bühne in der Historischen Stadthalle – es ist zu wünschen, dass die Sänger dort bald ein „Comeback“ haben werden. | Foto: Matthias Müller

Auch kein Weihnachtskonzert am Sonntag: In der Nachkriegskrise 1945 gegründet, sorgt die Corona-Krise dafür, dass das 75. Jahr des Cronenberger Männerchores ohne ein einziges Konzert enden wird.

„Wir lassen uns das Singen nicht verbieten“, so lautete im Jahr 1974 der Titel eines Schlagers. Auch wenn Schlager überhaupt nicht sein Genre ist, so ließe sich zumindest der Titel auf den Cronenberger Männerchor (CMC) beziehen, denn: Nur wenige Wochen nach dem Kriegsende, am 1. Juli 1945, datiert das Gründungsdatum des Cronenberger Renommierchores. Obwohl auch Cronenberg damals in Schutt und Asche lag, die CMC-Gründerväter ließen sich das Singen nicht verbieten – im „Gemeinschaftsaal“ der Firma Knipex wurde der große Dörper Chor am 1. Juli 1945 aus der Taufe gehoben.

Heute, also just im Jahr seines 75-jährigen Bestehens, erlebt der Männerchor die größte Krise seines Bestehens. Natürlich sollte das 75-jährige Chor-Jubiläum mit einem Festkonzert gefeiert werden – coronabedingt nicht möglich. Nach dem alljährlichen Frühjahrskonzert muss nun auch das traditionelle Weihnachtskonzert ausfallen: Am Sonntag werden die Scheinwerfer für den Männerchor im Großen Saal der Historischen Stadthalle nicht angehen. Was selbst Not und Elend im Jahr 1945 nicht vermochten, hat Corona geschafft – das Virus hat den Chor zum Verstummen gebracht.

Vier Traditionschöre gründeten 1945 den CMC

Wie in der Krise vor 75 Jahren ist dem Männerchor aktuell erneut der „beseelte Wille“ zu wünschen, „die über Generationen gelebte Tradition des Männer-Chorgesangs möglichst schnell wieder aufleben zu lassen“. Mit diesen Worten zur CMC-Gründung blickt die Chor-Chronik zurück, welche (in vielleicht weiser Voraussicht) bereits vor fünf Jahren zum 70-Jährigen des Chores erschien. Vier Traditionschöre, so berichtet sie, hoben den Cronenberger Chor in der Stunde null aus der Taufe. Etwa 80 Sänger stimmten 1945 ein. Nachdem man sich dann immer sonntags um 9.30 Uhr im Knipex-Gemeinschaftsraum zu den Proben traf, war es am 13. Oktober 1946 so weit: Der Cronenberger Männerchor gab sein erstes Konzert.

In der Hauptkirche zu Sonnborn brachte man sakrale Werke zu Gehör – „es gab viel Lob“, berichtet die Chronik. Das beflügelte: Bereits 1947/48 entwickelte der Chor – den schwierigen Nachkriegsverhältnissen zum Trotz – „erstaunliche Aktivitäten“. So Mitte Januar 1947 ein Konzert in der ausverkauften Solinger Stadthalle: „Die Hörer waren sichtlich beeindruckt von dem Glanz des prächtigen Stimmmaterials“, urteilte die Rheinische Post. Zumal in Cronenberg kein großer Konzertsaal vorhanden war, erklangen die Dörper Stimmen vornehmlich anderswo. So zum Beispiel am 1. Juni 1947 erstmals in der Historischen Stadthalle. Mit dem Kölner Männergesangverein gab der CMC hier ein ausverkauftes Gemeinschaftskonzert – der damalige Wuppertaler OB Robert Daum und Vertreter des Kulturministeriums zählten zu den Gästen.

Zu singenden Botschaftern des Bergischen Landes geworden

Von da an wurde der Große Saal der Stadthalle zum „Wohnzimmer“ des Männerchores, in das er seit vielen Jahren alljährlich zu seinen Frühjahrs- und Weihnachtskonzerten zurückkehrt. Und von da an schickte sich der CMC an, zum singenden Botschafter des Bergischen Landes zu werden: Bereits ab 1948 führten jährliche Konzertreisen in die Welt hinaus. Zunächst waren Hamburg und Bremen Ziele, angespornt durch beste Kritiken („Die Cronenberger haben sich eine solche beachtliche sängerische Kultur erarbeitet, dass es immer wieder eine Freude ist, sie zu hören“) folgten 1951 erstmals das deutsche Sängerbundfest und 1952 das erste Auslandskonzert im holländischen Enschede.

In den folgenden Jahrzehnten ging zwar die Zahl der aktiven Sänger von über 200 auf aktuell etwa 80 kontinierlich zurück. Der Sangesfreude des Männerchores tat das jedoch keinen Abbruch. Jährlich ging man weiter auf Konzertreisen quer durch die Republik, nahm an Sängerbundfesten teil, trat in der Bonner Beethovenhalle auf, 1956 und 1957 wurden sogar Konzerte im WDR-Sendesaal aufgezeichnet – und die ersten Schallplatten gepresst. 1971 eine weiterer Höhepunkt: Die Teilnahme am Internationalen Chorfest in Wien. 1979 wagte sich der „Meisterchor von den Südhöhen“ erstmals ins Flugzeug: Mit 74 Sängern und 130 Mitreisenden flog man nach Italien.

Als bis dahin einziger weltlicher Chor: CMC singt im Petersdom

Hier wurde ein Auftritt im Petersdom zu einem der Höhepunkte der Chor-Geschichte – der CMC soll der erste weltliche Chor gewesen sein, der im Petersdom singen durfte. Einen weiteren Höhepunkt markiert das Jahr 1981: Mit 260 Personen jettete der CMC zu einer Konzertreise in die USA und nach Kanada. Aber nicht nur die großen Bühnen wurden gepflegt. Auch bei Sommerfesten, der Werkzeugkiste, für Altenheime oder zu Feierstunden und nicht zuletzt auch bei den damaligen Benefizkonzerten „Cronenberg hilft“ ließen die Cronenberger Sänger immer gerne ihre kultivierten Stimmen ertönen. Beweis ihres sozialen Engagements sind aber auch die Bergischen Chornächte zugunsten des Kinderhospizes, welche die Sänger seit Jahren organisieren – auch dafür ehrte die SPD Cronenberg den Chor 2020 mit ihrer Hermann-Herberts-Medaille.

Ausgerechnet in seinem 75. Jahr muss der Traditionschor nun „stumm“ bleiben, gewiss schaut der „krisenfeste“ Chor dennoch optimistisch nach vorne: „Es wäre ein Traum, wenn es in 30 Jahren zum 100-jährigen Jubiläum unseres CMC in der Wuppertaler Stadthalle immer noch in der Begrüßung zum Konzert heißen würde: ,Es singt für Sie der Cronenberger Männerchor!‘, schrieb CMC-Chef Bernd Tigges in der Männerchor-Chronik – ab dem nächsten Jahr kann der Chor diesen Traum bestimmt wieder singend leben…!