08.07.2025, 09.41 Uhr | Martin Hagemeyer | Artikel drucken | Instapaper | Kommentare
Molières im TiC-Theater: Betrübliches als echtes Bühnenvergnügen
Machen Molières eigentlich betrübliche Botschaft zu einem echten Bühnenvergnügen: das Ensemble des neuen Stückes „Der eingebildete Kranke“ im TiC-Theater Cronenberg. | Foto: Martin Mazur
Wohl selten sah man so viel Slapstick und stummes Spiel im TiC-Theater. Beim neuesten Stück an der Borner Straße 1 könnte das erstaunen, weil es an starken Worten keinesfalls mangelt: „Der eingebildete Kranke“ ist ein Klassiker der Komödien-Literatur. Aber neben dem toll gespielten Text setzt die Inszenierung von Martin Petschan auf viel einfallsreiche Performance – und so ist die Story um den Hypochonder Argan hier voll szenischer Überraschungen… Zur Story des französischen Dramatikers aus dem Jahr 1673: Argan, gewohnheitsmäßiger Dauer-Patient des geschäftstüchtigen Doktors Purgon, will seine Tochter Angélique verheiraten – mit dem Neffen des Arztes, der ihn fortan preiswert behandeln soll… Sehr zum Unwillen der jungen Frau, die ein Auge auf den gutaussehenden Cléante geworfen hat.
Wer ist hier eigentlich „eingebildet“…?
Christoph Güldenring gibt die Titelfigur lebendig und bei allem Granteln im Grunde nicht unsympathisch. Dass er arg eigennützig denkt, gibt Argan offen zu: „Ich gebe ihr doch um meinetwillen diesen Arzt! Und eine gutgeratene Tochter sollte entzückt sein, das zu nehmen, was für die Gesundheit ihres Vaters von Nutzen ist!“ Klar ist das patriarchal und zum Schmunzeln. Aber so viel der „Kranke““ klagt und lamentiert: Ein wirklicher Tyrann ist er (zum Glück) bei Güldenring nicht. Und schon bald mag man sich fragen: Wer ist hier eigentlich „eingebildet“? Wer macht sich oder anderen etwas vor?
Imaginieren, Täuschen, Lug und Trug: Kaum eine Figur im TiC ist frei von falschem Spiel. Zentralfigur, schön listig ausgespielt, ist das Zimmermädchen Toinette (Christina de Bruyckere-Monti), die von Angélique um Hilfe gebeten wird. Was sie mit Witz und Tatkraft gern gewährt: Die „Bediente“ spielt selbst einen Arzt und entfremdet Argan von Dr. Purgon, zudem entlarvt sie seine berechnende Gattin. Großartig, wie de Bruyckere-Monti das macht – ihre Art von Autorität wirkt so frech wie natürlich, und selbst ihr Gebieter Argan ist da am Ende machtlos. Thema des Stücks, nicht nur bei Toinette: Spott über blinden Glauben an Medizin als alles entscheidende Instanz. Wer wollte, konnte im TiC an Corona denken und den massiven Primat des Gesundheitssektors mit seinen Folgen für praktisch jeden Lebensbereich – etwa wenn Purgon mit Desinfektionsspray um sich sprühte. Oder wenn gegen Ende der schlaue Béralde (wohl eine Art Alter Ego Molières) seinen Bruder Argan kritisiert: „Wenn man euch reden hört, möchte man fast glauben, Herr Purgon hielte euren Lebensfaden in der Hand…“
Clevere Pfeile, Pantomime, Charme, Schick und mehr
Lucy Martens spielt Angélique als leicht zu begeisternde junge Dame. Aber sie ist kein naives Mädchen: Mal sendet sie clever-getarnte „Pfeile“ an Stiefmutter Béline, mal wirft sie sich (Stichwort Pantomime) stumm-schwärmerisch auf einen Stuhl oder klaubt verzückt die schmachtenden Briefe des Geliebten aus einem Fach. Stefan Böhmer und Frank Fischer haben übrigens ein hübsches Bühnenbild zwischen abstrakt und konkret gebaut: Wände mit Siebziger-Muster umgeben wenige Möbel wie eine Chaiselongue und einen Plattenspieler. Dennis Gottschalk füllt als Argans Bruder Béralde die Bühne aus – mit Charme und übrigens auch schicker Aufmachung samt cremefarbenem Anzug: Look wie Verhalten markieren ihn als Mann von Welt. So wie übrigens die Kostümbildnerinnen Maya Fichtel und Noëlle-Magali Wörheide den Figuren individuelle, oft „sprechende“ Kleidung „auf den Leib geschneidert“ haben. Béralde jedenfalls steht via Optik und Gesamterscheinung sichtlich mitten im Leben und setzt sich so vom über-empfindsamen Argan ab. Ein schönes Beispiel gibt das Brüderpaar auch für besagte „wortlose“ Komik: Béraldes erster Auftritt gerät ironisch-imitierend: Mit schrägem Humpeln umrundet er den schlummernden „Kranken“ – dabei ist sein schicker Stock mehr Accessoire als Krücke. „Brüderchen, du Jammerlappen“: Das muss er gar nicht sagen, sein Spiel sagt’s überdeutlich…
Linkisch, komisch & frech
Beim Spiel von Dominik Schinner ist vielleicht eines am erstaunlichsten: die Doppelrolle. Dass hinter Cléante derselbe Schauspieler steckt wie hinter dem Apotheker Fleurant, könnte man ohne Blick in die Besetzungsliste schier übersehen, so unterschiedlich gibt er beide Charaktere. Aus dem bei Molière nur kleinen Part macht Schinner das Kabinettstückchen eines überheblichen Quacksalbers: „Wie kommt ihr eigentlich dazu, den gnädigen Herrn daran zu hindern, mein Klistier zu nehmen? Allerhand!“ Ganz anders natürlich seine Hauptrolle: Cléante kommt schnittig, jugendfrisch daher – und auch etwas schnoddrig, wenn er seinen verklemmten Nebenbuhler Thomas beäugt. Dass er der von Angélique favorisierte Gatte in spe ist, kann man bestens verstehen…
Jung-Mediziner Thomas (erneut Gottschalk) ist die vielleicht einzige „eindimensionale“ Figur – und macht just damit Spaß als Parodie eines Gelehrten. Allen Ernstes verwechselt er Angélique mit ihrer Stiefmutter, stürzt sich wirr-devot auf die Ahnungslose und begrüßt sie linkisch. Komisch auch sein zweifelhaftes Präsent an die Tochter, ein trockenes Traktat, und die schriftlichen „Beweise“ seiner Zeugungsfähigkeit – mit „Bildmaterial“! Einmal mehr hat die freche Toinette das letzte Wort und urteilt knapp nach einem Blick: „Sehr übersichtlich…!“ Argans Frau Béline entfaltet Stück für Stück ihren wahren Charakter: Mag sie zuerst noch die treusorgende Ehefrau mimen, verrät sie immer mehr kühles Kalkül. Mit dem Gipfel am Ende, als sie bei Argans vermeintlichem Ableben eiskalt übers lockende Erbe jubelt… Auch sie gibt Beril Erogullari – und hat so gleich zwei hinterhältige Rollen, neben Arzt Purgon.
TiC-Inszenierung spießt Heuchelei spaßig-scharf auf
Die Mediziner-Zunft in Gestalt Purgons steht wie schon bei Molière auch im TiC sehr spöttisch im Fokus. Und so gibt Erogullari auch dem Arzt regelrecht sadistisch-dämonische Züge, bis zur hier nicht verratenen Schlussidee: von der Regie ergänzt…, und natürlich wieder wortlos. Fazit: Heuchelei ist generell ein Lieblingsthema Molières, das er auch in Stücken wie „Tartuffe“ aufspießt. Im „Eingebildeten Kranken“ im TiC tritt dieser Aspekt so spaßig wie scharf hervor. Mehr noch als die Geschichte eines Mannes mit Krankheits-Tick zeigt die Inszenierung: Trickser lauern überall. Vor allem dem non-verbalen Spiel des Ensembles ist es zu verdanken, dass diese eigentlich ja betrübliche Botschaft ein echtes Bühnenvergnügen ist…! Mehr Informationen und Karten für das neue Stück gibt es unter Telefon (0202) 47 22 11, im Theaterbüro an der Hauptstraße 3 sowie im Netz unter tic-theater.de.





