23.09.2025, 19.32 Uhr   |   Martin Hagemeyer   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

TiC-Premiere: Liebe, Launen, Laster & Co. – im Lehrerzimmer…!

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Zwangsgemeinschaft im Lehrerzimmer: Das Ensemble des Schauspiels „Eingeschlossene Gesellschaft“, das unter der Regie von Johanna Landsberg im TiC-Theater erfolgreich Premiere feierte. | Foto: Martin Mazur

Rechts Schmutzgeschirr an der Spüle, links Schreibtisch voller Stifte und Zettel – ein Lehrerzimmer ist Schauplatz von „Eingeschlossene Gesellschaft“, der neuen Komödie im TiC-Theater. Die Inszenierung von Johanna Landsberg ist witzig, auch spannend – und mit ihrem Realitätsbezug doch nicht nur „leicht“. Erfolgsautor Jan Weiler, sein „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ war auch im TiC ein Hit, hatte diesmal eine streitbar-freche Idee: Als Rahmen für sein humoriges Schauspiel wählt er eine Schul-Geiselnahme. 

Gegensätze & Geheimnisse im „heiligen“ Lehrerzimmer

Starker Tobak in Zeiten echter Amokläufe? Nun, Schülervater Manfred Prohaska, fuchtelnd mit Spielzeugrevolver, ist eine Witzfigur der klar harmlosen Art; die Dialoge sind witzig, die Stimmung keinesfalls bedrohlich. Regie und Ensemble zeigen einen unterhaltsamen Schlagabtausch im Stil moderner Gesellschaftskomödien, flankiert von der ernsten Frage: Haben nicht LehrerInnen ziemlich viel Macht?

„Streng, aber gerecht!“ ist Maxime von Klaus Engelhardt, doch der Lateinlehrer wie auch alle Kollegen offenbaren bald „Schattenseiten“. Als das stumme Spiel vor Stückbeginn endet, lässt er die Zeitung vor der Nase sinken, und mit Hans-Willi Lukas erscheint ein beliebtes TiC-Gesicht. Er wie auch sein Widerpart sind so vorab schon eingeführt: Wie beim gestandenen Philologen Distanz und Grantigkeit, so ist es bei Sportlehrer Peter Mertens das Jungenhafte – Maximilian Leuchter wirkt fast wie ein Schüler. Kaum erstaunlich: Zwischen beiden wird’s bald „knallen“…

„Komisches Gekäbbel“ statt Geiseldrama

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist Vater Prohaska (Chris Jungbluth): Plötzlich steht er im „heiligen“ Lehrerzimmer und verlangt, dass Engelhardt Sohn Fabian einen Punkt mehr in der Lateinarbeit gibt – den entscheidenden: Sogar der Schulabschluss hänge davon ab. Die Pistole meint Chemielehrer Bernd Vogel (Niklas Schier) zwar schnell als „Fake“ zu erkennen – doch darauf verlassen lassen mag sich keiner… Cleverer Dreh von Autor Weiler: Zwar ist der „Täter“ beseelt von Vaterliebe und nicht allzu gefährlich. Doch gut krimi-tauglich tickt im Stück trotzdem eine „Bombe“.

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Im Chemiesaal läuft laut Vogel eine Versuchsanordnung, die bald in die Luft fliege, wenn er nicht gehen darf. Was freilich den Revolvermann nicht juckt: Er verlangt, dass das Kollegium neu über die Note des Sohnemanns abstimmt: „Sehen Sie es als Gelegenheit, sich zu besinnen“, schließt er sie ein… Was folgt in dieser „Eingeschlossenen Gesellschaft“, ist angelehnt an Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“: Werden dort die in der Hölle Eingeschlossenen einander zum Peiniger, offenbaren auch die LehrerInnen heimliche Fehler… Der Regie gelingt es zu vermeiden, dass all dies zu arg gen Drama driftet. Statt Angst herrscht in der „Kurzzeit-Zelle“ komisches „Gekäbbel“: Für Deutschlehrerin Heidi Lohmann (Beate Rüter) hat die Kostümabteilung (Sarah Prinz) ein Outfit aus braunem Rock und züchtiger Bluse geschneidert, so vielsagend wie das sportliche von Mertens.

Psycho-Tricks, großes Plädoyer und sympathische Ambivalenz

Heike Arndt hat einst mithilfe von Schülern einen Kollegen wegen einer Beförderung ausgebotet – Astrid Gottschalk gibt dieser Figur auch anderenorts ein gutes Stück Psycho-Trickserin, indem sie in „Good-cop“-Manier den Vater zum Aufgeben zu überreden versucht. Referendarin Bettina Schuster (Nina Jestel) verbirgt derweil eine Affäre mit dem verheirateten Sport-Kollegen Mertens: „Praktisch“ findet sie, „dann verschwindet er nachher, er muss ja zu seiner Frau…“. Das „Geheimnis“ von Chemielehrer Vogel gibt der Geschichte eine Wendung: Erst stimmt er gegen die Noten-Korrektur – doch dann wird klar, warum – mehr sei nicht verraten…! Großer Auftritt für Niklas Schier: Er appelliert grundsätzlich an die KollegInnen – vielleicht gar den ganzen Lehrberuf? „Wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen“, ist sein streitbarer Rat, der wohl als Plädoyer des ganzen Stücks gelten kann.

Liebe, Launen, Laster – auch im Lehrerzimmer…

Die vielleicht stärkste Bestätigung des Pädagogen-Tadels im Stück weist Regisseurin Landsberg aber Heidi Lohmann zu. Sie hatte eine Schülerin geschlagen, deren Äußeres ihr „zu schamlos“ war. Lohmann bekennt aber auch, und das gibt ihr doch sympathische Züge, als Teenie hoffnungslos in einen Sänger verknallt gewesen zu sein – just an dessen Todestag setzte es die Ohrfeige… – Beate Rüter verleiht der Figur mit der vielleicht spannendsten Ambivalenz des Stücks echte Größe! Weilers „Message“: Lehrer sind halt auch nur Menschen, aber dabei doch ziemlich mächtig und (mitunter) voll Launen bis Marotten – jedenfalls in dem neuen TiC-Stück…! 

Infos & Karten

Infos und Karten für das neue TiC-Stück sind unter Telefon (0202) 47 22 11, im Theaterbüro an der Hauptstraße 3 oder im Netz unter tic-theater.de erhältlich.