08.07.2026, 19.51 Uhr | Meinhard Koke | Artikel drucken | Instapaper | Kommentare
Wissenswertes: Friedhöfe als Ruhestätten – und Orte des Wandels
Initiator Prof. Dr. Martin Fleuß (li.) begrüßte im Rahmen der Reihe „Wissenswertes“ der Evangelischen Gemeinde Cronenberg-Küllenhahn zum Thema „Bestattungskultur“ mit Ingo Schellenberg den Geschäftsführer des Christlichen Friedhofsverbandes Wuppertal im Gemeindehaus Küllenhahn. | Foto: Meinhard Koke
Friedhöfe als Ruhestätten – und Orte des Wandels…! Friedhofs- und Bestattungskultur – nicht unbedingt ein Thema, das vorab ein volles Gemeindehaus Küllenhahn vermuten ließ. Und doch: Trotz ÖPNV-Streiks zeigte sich der letzte Abend in der Reihe „Wissenswertes“ gut besucht. Kein Wunder, mochte man Prof. Dr. Martin Fleuß Glauben schenken: „Ein super-spannendes Thema“, führte der Initiator der Reihe der Evangelischen Gemeinde Cronenberg-Küllenhahn in den Abend ein.
„Super-Experte“ zu „super-spannendem Thema“
Für Expertise war mit einem Wuppertaler „Super-Experten“ gesorgt: Mit Ingo Schellenberg begrüßte Martin Fleuß den Geschäftsführer des Christlichen Friedhofsverbandes Wuppertal und das „Urgestein der Bergischen Friedhöfe“ – seit fast vier Jahrzehnten ist Schellenberg im Friedhofsmanagement tätig. Um es vorwegzunehmen: Gastgeber Fleuß versprach nicht zu viel, der „Wissenswertes“-Abend rund um das Tabu-Thema war tatsächlich „super-interessant“ und bot viel Wissenswertes – die Zuhörer fragten Ingo Schellenberg fast Löcher in den Bauch…
Verband: Wie ein mittelständisches Unternehmen
Obwohl der Experte reichlich zu berichten wusste: So, dass der ökumenische Friedhofsverband in Wuppertal ein „Unikat“ in der Rheinischen Kirche sei, denn: Neben 16 evangelischen Gemeinden zählen auch acht katholische zum Verband – insgesamt werden aktuell 55 Friedhöfe, darunter 18 außerhalb von Wuppertal, mit 235.000 Grabstellen verwaltet. Ein mittelständisches „Unternehmen“ nicht nur, weil rund 150 Mitarbeitende beschäftigt werden. Der Friedhofsverband finanziert sich nicht aus Kirchensteuern, sondern ist privatwirtschaftlich ausgerichtet: „Wir verstehen uns als kirchlich-christlicher Dienstleister.“
Bestattungskultur im Wandel
Und der ist, wie Ingo Schellenberg berichtete, seit 25 Jahren einschneidenden, ja sogar dramatischen Veränderungen unterworfen. Beispiel: Machten Urnen in den 1980ern nur vier Prozent der Bestattungen aus, so sind es heute 76 Prozent; gab es vor vier Jahrzehnten „Wartelisten“ für einzelne Friedhöfe, so sind manche heute nur noch zu 25 Prozent belegt, Familiengrabstätten und Nutzungsrechte werden gekündigt, Friedhöfe zersiedeln… Die entscheidenden Fragestellungen heute sind: Was ist mir die Bestattung wert? Und: Welche Zeit brauche ich für die Pflege? Auch ein Aspekt des Wandels der Bestattungskultur: die Trauerfeiern. Hier kommen mitunter nur wenige Teilnehmer, dort wird der Abschied als Event inszeniert. Auch nach Worten von Ingo Schellenberg im Trend, der Auftrag: „Stellen Sie die Urne schon mal rein, wir kommen dann irgendwann…“
Bestattungsrecht: Von Friedwald und Reerdigung
Ursache oder Wirkung? Änderungen im Bestattungsrecht. In Deutschland ist das Ländersache, erläuterte Schellenberg, und in NRW sei „die Welt noch in Ordnung“. Zumindest halbwegs, denn – anders als in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern oder Hamburg – sind hier „Reerdigungen“ ebenso nicht erlaubt wie zum Beispiel die Urne mit nach Hause zu nehmen, was Rheinland-Pfalz seit letztem Jahr gestattet. Abgesehen von Seebestattungen in den Schweizer Alpen, der „freien“ Verstreuung in den liberalen Niederlanden, Asche zu einem Diamanten pressen oder ins Weltall schießen – ganz heil ist „die Bestattungswelt“ auch in NRW nicht mehr: Anonyme Gemeinschaftsgrabfelder, Rasenreihengräber und Friedwälder sind alternative Bestattungsformen im Land, mit denen NRW dem Trend gerecht werden will.
Evangelisch-Cronenberg als attraktiver Friedhof
Das Problem bei all den neuen Möglichkeiten des Unter-die-Erde-Bringens: Wie mögen Friedhöfe da noch „auf ihre Kosten“ kommen können? Es ließe sich an der Gebührenschraube drehen oder auch Friedhofsflächen aufgeben, eine weitere Möglichkeit, die Ingo Schellenberg benannte: die Steigerung der Attraktivität von Gottesäckern. Und hier ist der Friedhof Solinger Straße „vorn“: Baumbestattungen, Kolumbarien, gärtnerisch gestaltete Anlagen wie die „Cronenberger Köpfe“ oder die Toskana-Allee – „ein super Friedhof“, befand Ingo Schellenberg: „Sehr kreativ.“ Die Schließung von ganzen Friedhöfen bezeichnete der Experte als „hochsensibel“, von den insgesamt rund 150 Hektar des Verbandes stehen aber Teilflächen mit einem Volumen von etwa 21 Hektar zur Stilllegung an.
Friedhöfe als Orte der Zukunft
Frühere Friedhofsflächen als Bauland – ist das nicht eine Chance zur Konsolidierung? Eher nicht, glaubt Ingo Schellenberg: Die wenigsten Flächen könnten zu Bauland werden. Friedhöfe seien eher Rückzugsorte, Parks, Orte von Geschichte, denkbar seien Nutzungen als Naturflächen, für Urban Gardening oder auch Boule – „Friedhof ist heute nicht nur Verwaltung, sondern auch Gestaltung – die Ideenbörse ist eröffnet…“ Der Friedhofsverband selbst arbeitet kräftig daran, das Image vom Friedhof als „dunklem Ort“ zu verändern: Führungen, Musik- und Tanzperformances, Krimi-Lesungen, Poetry Slams oder auch Nachtwächter-Touren: „Das ist super; ob mit Rollator oder Lederjacke und Kette, alle sind dabei“, freute sich Ingo Schellenberg über den Erfolg der Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes: „Und wir sind auch auf Instagram…“
Der Hahn dürfte heute sein…
Trotz allen Wandels zeigte sich der oberste Friedhofshüter überzeugt, dass es auch weiterhin ein Bedürfnis nach einem Ort des Trauerns geben wird: „Wenn Friedhöfe attraktiv sind, werden sie auch weiter genutzt.“ Und dazu gehört auch, dass inzwischen vieles erlaubt ist, was zuvor nicht ging: Schalke oder Bayern, Motorrad oder Leuchtturm sind heute auf Gräbern zugelassen. Was ist da mit dem Hahn, der einst an der Solinger Straße vom Grab eines verstorbenen Rassegeflügelzüchters weg musste? „Das ist kein Problem heute…“ – da wurde an dem „Wissenswertes“-Abend auch geschmunzelt… Martin Fleuß brachte es zum Schluss auf den Punkt: „So viel habe ich noch nie über Friedhöfe gehört.“ Aber die Zuhörer wollten noch mehr wissen, so zu muslimischen und alevitischen Grabfeldern, Friedhofscafés oder zum Bejagen von Rehen…
Nächster „Wissenwertes“-Abend
Am 24. Juli lädt Prof. Dr. Martin Fleuß wieder zu einem Abend mit „Wissenswertem“ ein. Ab 19.30 Uhr wird mit Dirk Polick der Seniorchef von „Policks Backstube“ an der Nesselbergstraße 12 zu Gast sein. Der Cronenberger Unternehmer wird zum Thema „Das Bäckerhandwerk – Herausforderungen und Chancen“ berichten. Der Eintritt ist wie immer frei.





