23.01.2013, 17.16 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Großes Kabarett: „Talfahrt 2012“ brachte Stimmung auf die Höhe

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Wurden mit "Talfahrt", ihrem Kabarett-Programm 2012, im ausverkauften Forum der Firma Knipex gefeiert: Ulrich Rasch, Jens Neutag und Jürgen H. Scheugenpflug (v.l.).

Proppenvoll war es im „Forum“ der „Alten Schmiede“ der Firma Knipex: Über 200 Besucher wollten am vergangenen Mittwoch, 16. Januar 2013, mit auf „Talfahrt“ gehen. Dabei starteten die Dörper jedoch nicht zum Einkaufen ins Tal, vielmehr ging es mit Jürgen H. Scheugenpflug und Jens Neutag auf eine kabarettistische „Talfahrt“ durch das Jahr 2012. Wie auch schon bei ihrem ersten Gastspiel im Knipex-Forum, Ende 2011, wurden die beiden Kabarettisten auch diesmal von Ulrich Rasch am Klavier begleitet – „musikalisch“ lautet schließlich, neben „politisch und sozialkritisch“, der Untertitel der „kabarettistischen Heimatpflege“ des Dreigestirns.

Wie alljährlich „Barmen live“ war der satirische Jahresrückblick auch diesmal „mit alles“: Jürgen H. Scheugenpflug und Jens Neutag spielten sich nicht nur zum (Wupper-)Tal der Tränen so manchen Ball zu, um gegen die Protagonisten des Wuppertal-Jahres 2012 zu kabarettistischen „Blutgrätschen“ anzusetzen; „Scheuge“ und vor allem Jens Neutag, der als Remscheider offenbar den „Überblick“ hat, nahmen auch bundespolitische Themen aufs Korn. Begleitet von Ulrich Rasch brachte zudem die eine oder andere Gesangseinlage zusätzliche Abwechslung in die „Talfahrt 2012“ – vom Bergischen Heimatlied über das zu „Hunden vergiften am Rott“ umgetextete Kreissler-Lied bis hin zum leidenschaftlichen „My way“ an die Adresse ihrer Lieblingszielscheibe, des Ex-CDU-Fraktionsvorsitzenden Bernhard Simon – auch musikalisch war die „Talfahrt“ wie „Barmen live“, eben „mit alles“! Bereits zur Pause zeigte sich da ein Zuschauer beeindruckt: „Das ist ja wie ‚großes‘ Kabarett“, befand der „Tal-Mitfahrer“ – im Scheugenpflug/Neutagschen Sinne mochte man da hinzufügen: „Barmen live“ ist ja auch ein „großes Fest“!

Drei Stehplatz-Karten und drei Stadion-Würste:
36 Euro für den WSV gesammelt

Mit Schlagzeilen 2012 nahm die „Talfahrt“ Fahrt auf: „Kind angefahren – Düsseldorfer bot zwei Euro“ – „dat kannse nur in Wuppertal machen“; „Räuber schießt – Opfer meldet sich erst zwei Stunden später“ oder „Jetzt fehlen schon 60 Busfahrer“ („Wo sind die nur hin?“) – „es hat sich viel getan“, fand Jürgen H. Scheugenpflug zum Auftakt. Jens Neutag hielt dagegen: „Wuppertal ist soweit unten – da kann man nicht mehr spotten!“ Neutag lag falsch! Das bewies schon die Sammelbüchse, die brandaktuell nach dem Runge-Rücktritt zugunsten des WSV durch die Publikumsreihen rotierte: „Beeindruckende“ 29,89 Euro wurden in der Pause zusammengezählt – „Was machen wir damit?“, fragte Jens Neutag, Jürgen H. Scheugenpflug hatte die Antwort: „Wir machen das Ding fett!“ Konkret: Die Künstler rundeten auf 36 Euro auf – „dann sind zu den drei Stehplatz-Karten noch drei Würstchen drin!“ Jens Neutag rief umgehend bei der Emka-Zentrale von Ex-Präsident Runge an: „Wir haben 36 Euro für den WSV gesammelt – wann können wir die vorbei bringen?“ Antwort des Emka-Mannes an der Zentrale: „Ich bin die ganze Nacht da!“ – Kabarett live!

Nach soviel Aktualität nahmen Scheugenpflug und Neutag dann quartalsweise das Jahr 2012 in Angriff: „Meilensteine“ des kabarettistischen Parforceritts waren hier die „Grußwort-Affäre“ um Bernhard Simon oder: „Seine Heiterkeit“, wie Scheugenpflug und Neutag den Nur-Noch-Ratsherrn nennen. Dass sein Rücktritt mit der Verleihung des „August-Faßbender-Gedächtnis-Ordens“ durch die KaGe Weinberger Funken „versüßt“ wurde, sorgte im Knipex-Forum für die erste „Rakete“ – fast! Zudem Thema: Die 100-Prozent-Wiederwahl des FDP-Vorsitzenden Marcel Hafke („Kunststück, der hat beide Stimmen bekommen!“) oder auch die „meilenstein wuppertal“-Kampagne von Wuppertal Marketing-Chef Matthias Haschke, die im Februar starte, von der seitdem allerdings nichts mehr zu hören war – die 250.000 Euro Sponsorengelder pro Jahr waren offenbar zuviel fürs „Tal“… Trotzdem: Nur ein „Akteur“ unterzog sich laut Scheugenpflug/Neutag zum Ende des ersten Quartals 2012 einer Klangschalen-Therapie im Helios-Klinikum – „seine Heiterkeit“, natürlich!

„In Barmen tut sich was“: Helios sponsert
Kotztüten, Weihnachtsmarkt bereits ab Oktober

Anschließend hielt der Frühling Einzug und es ging mit dem Kabarett-Duo zum „Hunde vergiften am Rott“. Und nach Oberbarmen, wo angesichts von Spielhallen, Wettbüros und 1-Euro-Läden „dir die Sonne aus dem Ar… scheint“. Oder zum Prozess gegen Lothar Matthäus am Landgericht („Mailand oder Madrid – Hauptsache, Elberfeld!“), zu den Nazi-Umtrieben in Vohwinkel und natürlich auch zu „Barmen live“. Ungeheuerlich: Während es zum Fassanstich im Barmer Brauhaus noch die Kotztüten sponserte, verweigerte sich das Helios-Klinikum bei „Barmen live 2012“. Kein Problem, Barmen hat ja City-Managerin Anna Wittmer, auch in diesem Jahr eine „Favoritin“ von Jürgen H. Scheugenpflug und Jens Neutag: Barmen live im Frühsommer, Winzerfest im Frühherbst, Weihnachtsmarkt bereits ab Oktober, ganz Barmen überdachen – Barmen-Managerin Anna Wittmer bewegt was, waren sich die Kabarettisten einig.

Im satirischen Visier: „Seine Heiterkeit“,
City-Managerin und „Wuppertal Marketing“-Chef

Auch Stadt-Sprecherin Martina Eckermann avancierte während der zwei Stunden im Knipex-Forum zum „Running gag“, wobei: Allein mit der Namens-Nennung „Bernhard Simon“ hatten die Kabarettisten im dritten Quartal bereits die Lacher auf ihrer Seite – „das reicht schon“, stellte Jens Neutag zurecht fest. Glücklich konnten sich derweil die Bewohner der maroden Hochhaus-Wohnungen im Ronsdorfer Rehsiepen laut Jürgen Scheugenpflug schätzen: Wasserrohrbruch, Schimmel & Co. seien doch ein Segen, wo das hitzegeplagte Wuppertal im Sommer nach Wasser lechzte… Einbetonierte Fledermäuse im „Tanztunnel“ der Nordbahntrasse? Für Scheugenpflug & Neutag ebenso ein Pluspunkt 2012, weil eine Bereicherung der Beerdigungskultur im Tal: sizilianische Bestattung! Apropos: Eine jahrelange „Ruhezeit“ steht laut Scheuge und Neutag dem Vohwinkler Flohmarkt bevor – Marketing-Chef Haschke habe den Markt ja schließlich zur „Chefsache“ erklärt…

„Wuppertal fluten!“: Glasboot-Fahrten
für Chinesen über dem Engels-Haus

Nach Abstechern zu Kammmolch, Zauneidechse, WSV, Forensik und Ikea hatten die Kabarettisten auch einen „Meilenstein“ für die Marketing GmbH parat: An der Blombachtal-Brücke sollte eine Mautstelle eingerichtet werden, um hier alle Remscheider abzukassieren, die auf dem Weg zum Analog-Käse-Kauf im akzenta Elberfeld seien – „Matthias Haschke steht dann da!“ Alternativ könnte man das unter dem Motto „Wir wuppen das!“ aber noch toppen: „Wuppertal fluten!“ Das locke mexikanische Tauchtouristen ins Tal, zeigten sich Scheugenpflug und Neutag überzeugt, Glasbootfahrten über dem Engels-Haus wären derweil unter China-Touristen der Renner… Abseits dieser Visionen hielten Scheuge & Neutag auch eine Positiv-Nachricht 2012 fest: Der Nicht-Weltuntergangstag am 21.12.2012 sei für Wuppertal doch ein Lichtblick gewesen!

Bevor sie auf den Nach-Hause-Weg entlassen wurden, machten Jürgen H. Scheugenpflug und Jens Neutag ihren begeisterten Zuhörer zudem Mut: „Hamm‘ wir Angst?“ Solange die Schwebebahn noch schwebt und der letzte Kammmolch darunter noch lebt – „hamm‘ wir nich!“ Ihrem Aufatmen machten die Zuhörer da mit kräftigem, zum Teil stehenden Applaus Luft – Fazit: So schlecht geht’s uns doch nicht, da wir uns ein solchen Kabarett-Abend leisten können… Einziges Manko aus Dörper Sicht: Cronenberg taugte in dem Kabarett-Programm lediglich als (Küllenhahner) Anlegestelle für die Fähre zum Rott nach der Wuppertal-Flutung – ja, bietet das „Dorf“ denn keinen „Talfahrt“-Stoff?

Nächster „Talfahrt“-Abend ist am 25. Januar 2013 im Gemeindesaal Ronsdorf. Infos & Karten  unter Telefon 0202-75 55 44 oder online unter www.talfahrt-wuppertal.de.

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