27.08.2025, 13.29 Uhr | Marion Heidenreich | Artikel drucken | Instapaper | Kommentare
Thema „Missbrauch in Kirche“: Im Fokus beim „Offenen Abend“
In der Reihe „Offene Abende“ hatten Organisatorin Annette Leuschen und Volker Niggemeier (Bildungswerk) den Wuppertaler Wissenschaftler Fabian Kessl (li.) zum Thema „Missbrauch“ in der Johanneskirche zu Gast. | Foto: Marion Heidenreich
Rund 13 Prozent der Bevölkerung – jede fünfte Frau und jeder 20ste Mann also – hat mindestens einmal im Leben sexualisierte Gewalt erlitten – so lautet das Ergebnis der Anfang Juni veröffentlichten nationalen Studie „Kinder besser schützen“. In den öffentlichen Fokus rückte das Thema sexualisierte Gewalt und anderer Missbrauch durch Berichte Betroffener im Frühjahr 2010: Besonders machten die Vorfälle im katholischen Canisius-Kolleg oder auch an der Odenwaldschule Schlagzeilen.
Im vergangenen Jahr legte der Forschungsverbund „ForuM“ seinen Abschlussbericht der „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ vor. Auf Anregung von Claus Dieter Meier und dem Presbyterium der Evangelischen Südstadt-Gemeinde und in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk stand das sensible Thema zuletzt im Mittelpunkt der Reihe „Offene Abende“: Organisatorin Annette Leuschen und Volker Niggemeier (Bildungswerk) begrüßten Fabian Kessl in der Johanneskirche. Der Erziehungs- und Politikwissenschaftler an der Bergischen Universität hat den Missbrauch begünstigende Rahmenbedingungen, Machtverhältnisse und Hierarchien innerhalb der evangelischen Kirche näher untersucht.
Thema muss öffentlich werden
Dass sexualisierte Gewalt – und anderer Missbrauch – nicht nur ein „Problem der katholischen Kirche“ oder von Reformpädagogik ist, sei durch die Vielzahl der Fälle in anderen kirchlichen und sozialen Einrichtungen deutlich geworden. Im Jahr 2022 veranlasste die evangelische Kirche die „ForuM“-Studie zur Aufarbeitung von Missbrauch in ihren eigenen Reihen. „Seit 2018 ist auf offizieller Ebene nicht viel geschehen“, lautete gleich zu Beginn des Abends am Friedenshain das bittere Studien-Fazit von Fabian Kessl. Lange Zeit habe die evangelische Kirche das Thema „weggehalten“ – auch um einen „Imageschaden“ zu vermeiden, erläuterte der Wissenschaftler, der die Aufarbeitung im Kontext der Kinder- und Jugendarbeit sowie der KiTa-Trägerschaft untersucht hat.
Aufarbeiten statt Abarbeiten
Als Belege für Missbrauchsfälle und fehlende Aufarbeitung dienten den ForscherInnen neben Akten auch der E-Mail-Wechsel zwischen Betroffenen und internen Meldestellen. Die rund 60 Interviews und Gespräche über Fälle aus den Jahren 1970 bis 1990 – auch mit TäterInnen – verdeutlichten: „Täterschaft wurde toleriert, ermöglicht“, auch durch den strukturellen, institutionellen „Harmoniezwang“, dem Konzept der Reue und Vergebung: „Betroffene wurden ausgeschlossen“, kritisierte Fabian Kessl: „Es fehlt eine theologische Auseinandersetzung mit der Täterschaft und der Schuld ohne Vergebung.“
Jegliche Form des Missbrauches , so der Experte an dem „Offenen Abend“ weiter, sei ein kulturelles und gesellschaftliches Problem – selbst Schutzkonzepte von Institutionen wie der Kirche „schützen nicht vor Überfällen“. Wünschenswert sei – neben dem Thematisieren und Sensibilisieren – auch ein Wahrnehmen, Hinschauen und Anerkennen von Gewalt und Machtmissbrauch – und zwar, so unterstrich Wissenschaftler Kessl, in allen alltäglichen Bereichen des sozialen Miteinanders…!
Info & nächster „Offener Abend“
Der gut 1.000 Seiten umfassende ForuM-Bericht ist als „OpenSource“ via Internet unter forum-studie.de frei zugänglich. Zum nächsten „Offenen Abend“ am 11. September begrüßt Organisatorin Annette Leuschen um 19.30 Uhr Prof. Dr. Mouhanad Khorchide in der Johanneskirche. Dabei wird es unter der Überschrift „Ein Muslim auf dem Jakobsweg“ ums Pilgern gehen. Der Eintritt an der Altenberger Straße 25 ist wie immer frei.





