12.10.2026, 19.03 Uhr   |   Martin Hagemeyer   |   » Die CW bei Google als bevorzugte Quelle auswählen

„Die 39 Stufen“: TiC-Krimikomödie als eine herrliche Parodie

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Bereiten in „Die 39 Stufen“ ein großes Vergnügen im TiC-Theater: Christina De Bruyckere-Monti, Beril Erogullari und Nina Jestel sowie Sebastian Freund und Dennis Gottschalk. | Foto: Martin Mazur

Ein Mord in einer Londoner Wohnung, Mysterien, schottisches Hochmoor: Entstehen da nicht sofort Bilder vor dem inneren Auge? Gediegenes Landhaus, fesselnde Stimmung… Solche Stücke gab’s auch im TiC-Theater schon eine Menge. Bevor Sie mit dieser Erwartung „Die 39 Stufen“ besuchen, die neue TiC-Krimikomödie unter der Regie von Martin Petschan: Vergessen Sie’s …! Eine waschechte Parodie geht diesmal über die Bühne in der Borner Straße. „Gefesselt“ wird hier nur die Polizistin. Beim Abgehen fällt ihre Darstellerin halb aus der Rolle und ruft ins „Off“: „Kann mir mal jemand die Handschellen abmachen…!“

Vom Agententhriller zur Farce
Grob zur Story: Zur Hauptfigur Richard Hannay flüchtet sich eine Fremde, die laut eigener Aussage verfolgt wird. In seiner Wohnung wird sie bald ermordet und hinterlässt eine markierte Landkarte. Hannay muss nun als Mordverdächtiger selbst fliehen. Der Karte folgend, gerät er in den schottischen Highlands an eine Spionageorganisation namens „39 Stufen“. Angebliche Polizisten entpuppen sich als Gangmitglieder, ein scheinbar ehrbarer Professor am schottischen Zielort gar als deren Boss.

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Die literarische Vorlage stammt von John Buchan, der den Roman 1915 noch als ernst gemeinten Agententhriller schrieb. Alfred Hitchcock verfilmte die Geschichte 1935 und formte sie zu einem Klassiker des Spionagefilms. Die Bühnenfassung von Patrick Barlow wurde 2005 uraufgeführt und verbindet Buchans Roman und Hitchcocks Film mit einer ausgesprochen parodistischen Spielweise. Was aber nun auf die TiC-Bühne kommt, ist schon für sich eine Farce. Barlow setzte auf eine Handvoll Darsteller, die offen zu erkennen geben, dass sie nur spielen. Sein Motto: Alles nur Theater! Persiflage pur!

Wenn die Kulisse mitspielt
Um das Agentenfilm-Genre zu verfremden und zu ironisieren, hätte sich Regisseur Petschan da vermutlich gar nicht viel Neues mehr einfallen lassen müssen. Tut er aber doch – zum Glück …! So schon in der Eingangsszene mit Sebastian Freund als Hannay, dessen Präsenz das Publikum schön durch die ganze turbulente Handlung tragen wird. Bei seiner Vorrede „ploppen“ plötzlich Klappen aus der Wand, Hände reichen ihm hilfreich Requisiten von der Zeitung bis zum Whiskyglas. Nicht eben „perfekte Illusion“ – ganz im Gegenteil.

Nina Jestel als Verfolgte, ganz in Schwarz (Kostüme: Maya Fichtel), bringt eine gute Spur Geheimnis ins Geschehen, wird aber, wie erwähnt, bald ermordet – und so theatralisch mit einem Messer im Rücken schreiten und stürzen kann man, genau, nur im Theater… – ganz im Sinne der parodistischen Idee. Herrlich leidend gelingt ihr später die Figur Margaret. Bei ihr und ihrem mürrischen Gatten (Dennis Gottschalk) kommt Hannay unter – wobei Letzterer ihn postwendend an die „Polizei“ verrät. Die Anführungszeichen verraten es schon: Sie spielen ein doppeltes Spiel…

Hochkant statt romantisch
Atmosphäre ist bei diesem TiC-Stück ausnahmsweise Mangelware. Besser: Sie wird genüsslich verhindert und macht sich über Thriller-Standards lustig. Und wie sollte in einer Bettszene Intimität oder Romantik aufkommen, wenn die „Lagerstatt“ von Freund und Jestel senkrecht an der Wand lehnt, samt aufgeklebten Kissen? Ein „One-Night-Stand“ der ziemlich unbequemen Art muss so eine gemeinsame Hochkant-Nacht im Stehen sein… – umso komischer, dass es Hannay nicht zu stören scheint: „Sie wissen gar nicht, wann ich das letzte Mal in einem richtigen Bett gelegen habe“, lobt er zufrieden die „Unterlage“, bei der man als Zuschauer für „richtig“ und „gelegen“ recht viel Fantasie braucht…!

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Vier Schauspieler, viele Rollen
In Mehrfachrollen ist das TiC-Ensemble auch sonst geübt. Doch hier ist das für die Stückidee zentral: Die Bühnenfassung ist gerade darauf angelegt, dass wenige Schauspieler eine Vielzahl von Figuren übernehmen. Hier gibt Christina De Bruyckere-Monti mal eine hinterhältige „Beamtin“, mal eine Müllabfuhrfrau, die ein vielleicht nicht ganz „echtes“, aber schön schnoddriges Kölsch spricht. Beril Erogullari spielt all ihre Rollen kraftvoll und prägnant. Eine davon ist für die Story entscheidend: Die Show-Artistin „Miss Memory“ weiß so ziemlich alles, vom Sportergebnis bis zum Fakt über brisante Dokumente – was für sie selbst lebensgefährlich wird. Und wenn denn schon klar ist, dass bei „Die 39 Stufen“ alles nur gespielt ist: Dann ist es auch keine große Sache mehr, wenn Dennis Gottschalk ein Gespräch zwischen Chief Inspector und Bahnkontrolleur mal eben ganz allein übernimmt – verschiedene Kappen aufzusetzen, muss reichen …!

Clever improvisierte Kulisse
Die TiC-Bühnenbildner sind ja generell einfallsreich darin, den überschaubaren Platz auf der Bühne bestmöglich zu nutzen. Der kreative Behelf ist diesmal Programm: Das clever Funktionale der von Frank Fischer und Stefan Böhmer gebauten Kulisse müsste ganz im Sinne von Stückautor Barlow sein. Drei rechteckige Holzwände bilden nicht nur Hannays Wohnung oder später seinen Unterschlupf, sie mutieren auch mal gern zum Zugabteil. Und als der Verfolgte, wohl um den Schein zu wahren, eine flammende Ansprache „aus dem Ärmel schütteln“ muss: Wer sich fragt, was am rasch zurechtgezimmerten Rednerpult die zwei absonderlichen Griffe sollen: Klar, es sind die Garderobenhaken aus einer früheren Funktion des Bretts.

Alles nur Theater – und gerade deshalb so gut
Bertolt Brecht hat doch mal die „Verfremdung“ auf der Bühne gefordert, um beim Publikum jede Illusion zu zerstören. Ungefähr so wie bei „Die 39 Stufen“ im TiC muss er das gemeint haben…! Mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Regisseur Petschan und dem mal wieder überzeugenden TiC-Ensemble ist das Ergebnis ein großes Vergnügen! Karten für „Die 39 Stufen“ gibt es unter Telefon (0202) 47 22 11, im Theaterbüro an der Hauptstraße 3 sowie online unter tic-theater.de.