23.05.2012, 12.08 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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„Hair“ im TiC: „Flower-Power“ in voller Blüte!

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Erhielten stehende Ovationen und "Zugabe!"-Rufe für ihre Premieren-Leistungen: die Darsteller des Kult-Stücks "Hair", des neuesten Musicals im TiC-Theater. - Foto: Martin Mazur

Eine Viertelstunde lang Dauerapplaus, Standing ovations und Zugabe-Rufe – die „Premieren-Kritik“ des Publikums war unmissverständlich: „Hair“, das im TiC am Mittwoch letzter Woche auf die Bühne kam, eroberte die Zuschauer-Herzen; fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Uraufführung sorgt das legendäre „Hippie-Stück“, das als eines der erfolgreichsten Musicals gilt, für ein Comeback von „Flower-Power“ an den Cronenberger Bühnen.

Dafür sorgt Patrick Stanke: Der Musical-Star sitzt mit der Inszenierung von „Hair“ zum zweiten Mal im TiC auf dem Regie-Stuhl. Und auch auf diesem Platz überzeugt Stanke: Es gelingt ihm, das Lebensgefühl einer Generation wieder auferstehen zu lassen; diejenigen im Publikum, die den Traum von „Love and Peace“ noch selbst gelebt haben, erleben im TiC ein „Deja vu“; diejenigen, die nach „Flower-Power“ geboren sind, bekommen ein Gefühl für das „Age of Aquarius“, das Wassermann-Zeitalter am Ende der 1960er Jahre.

Dafür garantiert natürlich die Hair-Musik mit unsterblichen Hits wie „Age of Aquarius“, „Hare Krishna“ oder „Let the sunshine in“; dafür garantieren aber auch Kerstin Faber (Kostüme) und Heike Kehrwisch (Maske), die die Hair-Darsteller im authentischen Hippie-Look mit Stirnband und Lennon-Nickelbrille, in Schlaghosen und schrill-bunte Ethno-Oberteilen beziehungsweise den typischen Langhaar-Frisuren oder auch dem Jimi Hendrix-Wuschelkopf auf die Bühne schicken. Und vor allem garantieren dafür die Darsteller: Tobias Unverzagt (Woof), Henning Flüsloh (Berger) sowie Jana Konietzki (Jeanie), Karolin Hummerich (Dionne), Natascha Neugebauer (Crissy), Elisabeth Wahle (Sheila) und Sabine Henke (Mary) liefern „durch die Bank“ eine begeisternde Vorstellung ab; etwas anderes als die TiC-Darsteller in einem Atemzug zu nennen, verbietet sich – das Team ist der Star bei der TiC-Inszenierung von Hair.

Und doch: Im Falle von Jens Dahmen als „Claude“ und Tarik Dafi als „Hud“ sei eine Extra-Nennung gestattet – beide TiC-Neulinge legen ein Klasse-Debüt hin, sie reihen sich nahtlos ein in die Riege der Top-Leistungen. Jens Dahmens „Manchester“ – wunderbar!; Tarik Dafis „Ich bin ein Farbiger“, dazu seine Tanzeinlagen – Riesen-Kompliment! Und bei der Gelegenheit: Dank an seinen Chef, der Dafi dazu überredete, sich beim TiC-Casting zu „Hair“ vorzustellen – ein Glücksgriff! Abseits der immer noch mitreißenden Hair-Hits, bei Sabine Henkes „Where do I go?“ und dem anschließenden „Easy to be hard“ von Jana Konietzki wird Gänsehaut zum wohligen Ganzkörper-Schauer – berührend!

Weiterer Mosaikstein der Erfolgsinszenierung ist die Choreografie von Dana Großmann: Sie lässt die Darsteller auf der Bühne und durch den Zuschauerraum, mit Tüchern, Gewehren, Protest-Plakaten, ja sogar mit einem Staubsauger tanzen – Hair im TiC bietet wirklich alles! Und noch mehr, denn Patrick Stanke hat noch einen Trumpf im Ärmel: (Haupt-)Element des ansonsten kargen Bühnenbildes ist eine Leinwand. Auf diese werden nicht nur Bilder der Zeit, wie Kriegsfotos aus dem Vietnamkrieg, und laufende Bilder, wie die legendäre „I have a dream“-Rede von Martin Luther King oder die unsterbliche Jimi Hendrix-Version der US-Hymne während des Woodstock-Festivals, projeziert; der Beamer im TiC-Atelier wirft auch Szenen an die Wand, die das TiC zuvor mit seinen Darstellern gefilmt hat.

Dank dieses genialen Kunstgriffs bedarf es keiner Umbauten und die Illusionen werden dennoch perfekt; so wird es erst möglich, dass die Darsteller gerade noch (live) auf der Bühne stehen und sie im nächsten Augenblick (auf der Leinwand) ein Establishment-Bankett auf den Kopf stellen. Absolutes Highlight: Auf der Reise zu Claude, der zwischenzeitlich zur Army eingezogen wurde, fällt Woof unbemerkt aus dem Hippie-Gefährt. Während seine Freunde fröhlich singend weiter rollen („Good morning, starshine“), sieht der Zuschauer auf der Leinwand wie Tobias Unverzagt dem Hippie-Mobil hinterher hastet – eine Sternstunde von Hair im TiC; „das TiC erobert eine neue Dimension“, brachte es Rolf Neubüser (Radio Wuppertal) auf den Punkt – so ist es!

Die Flower-Power-Bewegung wurde von einer Sehnsucht nach Frieden und Freiheit, nach Liebe und Lebensfreude getragen; Hair im TiC sorgt zwei Stunden lang für eine Renaissance dieser Sehnsucht. Und zwar generationsübergreifend: Am Ende standen sie alle vereint im TiC-Atelier, die inzwischen ergrauten Kinder des Wassermann-Zeitalters und die Kinder der Blumenkinder, und forderten „Zugabe!“. Karten für Hair gibt es im TiC unter Telefon 02 02-47 22 11 und online unter tic-theater.de.

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