21.06.2013, 10.48 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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„Love Letters“ im TiC: Berührende Liebegeschichte per Brief

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Bild mit Symbolkraft: Beate Rüter und Hans-Willi Lukas lassen die Leben von "Melissa" und "Andrew" in Briefen eindrucksvoll "vorüberfliegen". Foto: Martin Mazur

Das Schreiben von Briefen ist längst aus der Mode gekommen – wer sich privat etwas mitzuteilen hat, schickt heutzutage eine E-Mail, nutzt „WhatsApp“, „simst“ oder „postet“ seine Nachricht in einem sozialen Netzwerk. Diese virtuellen „Briefe“ haben jedoch Nachteile: Anders als die „guten, alten Briefe“ kann man sie zum Beispiel nicht in einem Karton aufbewahren, um sie irgendwann einmal hervorzuholen, zu lesen und anhand dieser „Momentaufnahmen“ Erinnerungen wach werden zu lassen… Eben das tun Melissa Gardner und Andrew Makepeace Ladd III in „Love Letters“, das Regisseur Ralf Budde am vergangenen Freitag, 14. Juni 2013, im TiC-Theater auf die Bühne brachte: Autor Albert R. Gurney lässt ihre Beziehung, ihre Leben anhand der Zeilen, die sie sich jahrzehntelang schrieben, Revue passieren.

Eine Lesung feierte also im TiC Premiere? Ja und auch wieder nein! Ja, eine Lesung, denn Melissa (Beate Rüter) und Andrew (Hans-Willi Lukas) lesen die Briefe vor, die sie sich seit der zweiten Klasse schrieben – mal ist das ein Hin und Her wie beim Tennis, mal sind die Briefe eine Einbahnstraße, wenn am „anderen Ende“ gerade Funkstille herrscht – vorübergehend. „Love Letters“ ist indes aber mehr als eine Lesung: Von Brief zu Brief werden die beiden Charaktere der Brieffreundschaft (oder besser: -Liebe!) für die Zuschauer lebendiger, Hans-Willi Lukas und Beate Rüter geben ihren Figuren und deren Entwicklung glaubwürdige Authentizität, sie erzeugen Bilder im Kopf des TiC-Publikums, die sich von Brief zu Brief wie Mosaiksteinchen zu einer Lebens- oder besser Beziehungsgeschichte zusammenfügen – Kopf-Kino, immer wieder unterbrochen durch Einspielungen des Evergreens „I’m Gonna Sit Right Down and Write Myself a Letter“ aus dem Jahre 1935…

In einem zwar kargen, aber überaus passend von Iljas Enkaschew „inszenierten“ Bühnenbild lässt Regisseur Ralf Budde seine Darsteller Beate Rüter und Hans-Willi Lukas in völliger Dunkelheit auftreten: Mit Taschenlampen leuchten sie sich durch den Zuschauereingang den Weg auf die Bühne. Vor einer Tafel-Wand voller (unleserlicher) Wörter finden sie sich inmitten von verstaubtem Mobiliar; sie rechts, er links, nur einmal an diesem Abend wird sich an dieser Distanz etwas ändern… Melissa und Andrew lüften die Tücher über den „eingemotteten“ Stühlen und Sesseln und nehmen Kartons zur Hand – mal in diesem Sessel, mal auf einem anderen, mal auf dem Boden sitzend lesen sie aus den Briefen, die sie einander schrieben – und leuchten so ihre Leben aus, zwei Lebensgeschichten, deren Wege auseinandergingen, um sich dann nur noch wenige Male zu kreuzen…

„Telefonieren ist nicht dasselbe – bei Briefen kann man nicht auflegen!“

„Love Letters“ beginnt mit naiven Zettelchen, die sich Melissa und Andrew Ende der 1930er Jahre unter der Schulbank zustecken. Irgendwann fliegt die „stille Post“ auf – „ich darf im Unterricht keine Briefe schreiben, ich darf im Unterricht keine Briefe schreiben, ich darf…“ müssen Melissa und Andrew zur Strafe schreiben – ihre Brieffreundschaft kann das nicht stoppen, sie schreiben sich weiter…Er wechselt auf ein Jungen-College, sie an eine Nonnenschule; sie geht auf die Elite-Universität Yale, er auf die unbedeutende Duncan-Hochschule; er heuert bei der Marine an, sie „kreuzt“ von Zermatt bis zur Costa del Sol quer durch Europa; er studiert an der Elite-Uni Harvard Jura, sie wird Künstlerin und bekommt ihr erstes Kind – das Leben treibt sie auseinander, per Brief bleiben sich Andrew und Melissa indes treu. Irgendwann hat sie Telefon – „das ist nicht dasselbe“, weigert sich Andrew, sie anzurufen: „Bei Briefen kann man nicht auflegen!“ Melissa und Andrew bleiben also beim Schreiben, denn: „So kannst du mich lesen, zerreißen, wannimmer du willst – bis zu deinem Tode!“

„Wie das Leben so spielt…“: Zwei Lebensgeschichten in Briefen

Eindrucksvoll spielen Beate Rüter und Hans-Willi Lukas die Lebens- und Beziehungsgeschichte der beiden „modernen“ Königskinder, die nicht zueinander kommen, aber auch nicht voneinander lassen können: Hier sie, impulsiv-chaotisch, aus einer zerrütteten, aber reichen Familie, zunächst mit der Leichtigkeit des Seins, dann Alkoholikerin, der das Sorgerecht für die beiden Kinder entzogen wird; dort Andrew, aus bescheidenen, aber intakten Verhältnissen, der Bilderbuch-Karriere macht, es bis zum Senator bringt, Frau und drei Kinder hat und der dem „schönen Schein“ schließlich sogar (fast) seine (Brief-)Liebe opfert. Ob kurze Kartengrüße zu den Geburtstagen, eindringliche Briefe aus der Entziehungsklinik, ob des Senators phrasenhafte Weihnachts-Botschaft per Fotokopie oder ihr aufrichtiges Beileid zum Tode seines Vaters – Albert R. Gurney zeichnet berührend zwei wechselvolle Lebensgeschichten im gutbürgerlichen Amerika, und eine unvollendete Liebe.

„Love Letters“: 1990 für den Pulitzer-Preis nominiert

Regisseur Ralf Budde und seine Darsteller Beate Rüter und Hans-Willi Lukas machen diese Wechselbäder in und zwischen den Zeilen lebendig, die „besondere“ Lesung „packt“ die Zuschauer, ein ebenso außergewöhnlicher wie mitreißender Theaterabend. Nicht umsonst wurde “Love Letters” 1990 für den Pulitzer-Preis nominiert, wählte das „Time Magazine“ den mal temporeichen, mal melancholischen Briefwechsel unter die fünf besten Theaterstücke der 1980er Jahre – das Gurney-Stück ist ein „Hohelied“ auf das Briefeschreiben, vor allem aber auf die Liebe. Das Premierenpublikum würdigte die Inszenierung von Ralf Budde und das Spiel seiner Darsteller mit anhaltendem Applaus – immer wieder mussten Beate Rüter sowie Hans-Willi Lukas zurück auf die Bühne. Regisseur Ralf Budde indes konnte den Premierenapplaus nicht entgegen nehmen: Budde stand als „Ersatz“ in „My fair Lady“ im TiC-Atelier Unterkirchen selbst auf der Bühne – da wird er an diesem Abend vielleicht doppelt nervös gewesen sein…

Karten für „Love Letters“ im TiC gibt es unter Telefon 47 22 11 oder online unter www.tic-theater.de.

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