11.12.2013, 10.52 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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Nach 75 Jahren: Stolpersteine erinnern an Elli und Theodor Plaut

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Uri (2.v.r.) und Yoav Alon (2.v.l.) kamen aus Tel Aviv in die Südstadt, um der Stolpersteine-Verlegung für ihre Ur-Großeltern beizuwohnen. Jimena Klemp (vo. mi.) übernahm die Kosten für die Gedenksteine, die in Wuppertal durch den "Stolpersteine"-Verein gesetzt werden, für den Vorsitzende Dr. Ute Otten (3.v.l.), Prof. Dr. Manfred Brusten (hi. mi.) und Gabriele Mahnert der Feierstunde beiwohnten. Ebenso kam Ralph Hagemeyer, der Vorsitzende des Südstädter Bürgervereins (li.), zu dem Haus am Forsthof (im Hintergrund), in dem die Nazis einst die Mitglieder der Familie Katzenstein zusammenpferchten.

Die Straße Am Forsthof in der oberen Südstadt zählt zu den besseren Wohngegenden. Entsprechend ruhig geht es hier zu – normalerweise. Am gestrigen Dienstagmittag, 10. Dezember 2013, aber versammelten sich vor dem Haus mit der Nummer 21 etwa 40 Personen: Flankiert von einer Streifenwagenbesatzung machten zwei Anwohnerinnen auf offener Straße Musik und sangen, eine Ansprache wurde gehalten und auch ein Gedicht vorgetragen sowie Blumen niedergelegt.

Die „Un-Ruhe“ galt Elli und Theodor Plaut: Vor 75 Jahren lebte das jüdische Ehepaar in dem Haus Am Forsthof 21. Noch nicht einmal einen Monat zuvor hatten der verwitwete Arzt und die ebenfalls verwitwete Unternehmerin geheiratet; getrieben von der Nazi-Verfolgung wählten Elli und Theodor Plaut am 15. November 1938, also wenige Tage nach der Reichprogromnacht, den gemeinsamen Freitod. Ein halbes Jahr später wurde Professor Dr. Manfred Brusten geboren: Der mittlerweile emeritierte Soziologe an der Bergischen Universität forscht zum Holocaust und ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine in Wuppertal e.V.“.

Jüdische Gemeinde Wuppertals zur Hälfte in der Nazi-Zeit ausgelöscht

Etwa 3.000 Juden lebten 1935 in Wuppertal, weiß Brusten, nach Schätzungen kamen etwa die Hälfte der jüdischen Wuppertaler im Zuge der Judenverfolgung der Nazis ums Leben. 68 Jahre nach dem Sturz des Nazi-Regimes erinnert wenig an diese früheren Mitbürger; sie in die Erinnerung zurückzurufen, zu zeigen, wo sie einst zu Hause waren, dass sie Nachbarn waren, Bekannte oder Freunde, das haben sich Manfred Brusten und der Verein „Stolpersteine in Wuppertal e.V.“ zur Aufgabe gemacht.

Der unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Peter Jung stehende Verein ist einer von etwa 300 Initiativen in mehreren Ländern Europas, die sich dem Stolpersteine-Projekt des Künstlers Gunter Demnig angeschlossen haben. Demnig entwickelte sein Stolpersteine-Projekt Anfang der 1990er Jahre: Die Gedenksteinen sind auf ihrer Oberseite mit einer Messingplatte versehen. Darin ist in der Regel unter der Überschrift: „Hier wohnte…“ der Name des Opfers, das Geburts- und Deportationsjahr sowie der Todesort eingraviert. Vor dem letzten Wohnort in den Bürgersteig eingesetzt, wollen die Stolpersteine an das (Einzel-)Schicksal des jeweiligen Verfolgten erinnern, sie der Anonymität der Millionen von NS-Opfern entreißen.

Stolpersteine-Projekt: Größtes dezentrales Mahnmal weltweit

Mittlerweile wurden rund 42.500 Steine in Deutschland und 15 weiteren europäischen Ländern gesetzt, über 150 davon übrigens in Wuppertal – damit sind die Stolpersteine das weltweit größte dezentrale Mahnmal. Und zu diesem zählen nun auch die beiden Gedenksteine für Elli und Theodor Plaut, die am Dienstag mit 11 weiteren Stolpersteinen an verschiedenen Orten in ganz Wuppertal gesetzt wurden. Extra dazu aus Tel Aviv erstmals nach Deutschland angereist waren mit Uri und Yoav Alon zwei Urenkel: „Die Erinnerung an unsere Urgroßeltern berührt uns tief“, dankte Yoav Alon auf Deutsch allen, welche die beiden Stolpersteine möglicht gemacht hatten.

Damit gemeint war der Verein „Stolpersteine in Wuppertal“, dessen Vorsitzende Dr. Ute Otten zuvor aus dem Leben von Elli und Theodor Plaut berichtet hatte. Der Dank richtete sich aber auch an Jimena Klemp – die Bonnerin hatte die Verlegung der Stolpersteine gesponsert: „Ich wollte nicht, dass die Angehörigen auch noch für die Stolpersteine zahlen müssen“, erklärte die Freundin der Plaut-Urenkel, warum sie die Kosten für beide Steine (jeweils 120 Euro) übernahm. „Ich hoffe, Sie nehmen aus dieser Gedenkstunde etwas mit auch für die Adventszeit“, schloss Dr. Ute Otten die Feierlichkeit Am Forsthof – in jedem Fall kann man am Forsthof 21 nun immerzu über das Schicksal von Elli und Theodor Plaut „stolpern“ und sich ihrer erinnern…

Mehr Infos zum Verein „Stolpersteine in Wuppertal e.V.“ online unter www.stolpersteine-wuppertal.de

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