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21.09.2016, 18.00 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

„Mister Manuelskotten“: Helmut Morsbach wurde 90 Jahre alt

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Helmut Morsbach mit Ehefrau Ruth und dem ältesten Sohn Karl-Helmut, der das Elternhaus (Hintergrund) liebevoll restaurierte.

Seit Jahrhunderten wird das wirtschaftliche Leben in Cronenberg durch die Metallverarbeitung bestimmt. Schmiede-Hämmer und Schleif-Kotten lagen im Gelpetal oder im Kaltenbachtal einst wie Perlen an der Kette aufgereiht. 1861 kamen in Cronenberg auf 777 Wohnhäuser 349 Fabriken und einzelne Schmieden, 1928 waren in den 221 metallverarbeitenden Unternehmen mit 3.821 Personen 80 Prozent aller Beschäftigten tätig. Zwar ist Cronenberg noch heute Sitz bedeutender Metall-Unternehmen zum Teil von Weltgeltung, Relikte der wirtschaftlichen Wurzeln gibt es jedoch nur noch zwei: der Steffenshammer am Ende des Gelpe-Saalbachtales in Remscheid und der Manuelskotten im Kaltenbachtal.

Eine Person, die engstens mit dem Kotten verbunden ist, feierte in der vergangenen Woche 90. Geburtstag: Helmut Morsbach. Seine Familie führte den Schleifbetrieb seit 1867 über drei Generationen, benannt ist der Manuelskotten nach Großvater Emanuel, Enkel Helmut war 42 Jahre lang als Schleifer dort tätig, davon die letzten 30 Jahre bis 1988 als Mitbesitzer – Helmut Morsbach, der von klein auf dem Vater zur Hand gehen musste, weiß fast alles über das Denkmal, wenn er erzählt, dann ist das wie eine Zeitreise in längst vergangene Tage Cronenbergs – Helmut Morsbach ist ein lebendiges Museum in Person.

Der Vater spielte vor dem Kronprinzen die 1. Geige

Um 1880 lagen allein am Kaltenbach insgesamt sechs Wasserkraftanlagen: zwei Hammerwerke, drei Schleifkotten und eine Mühle. 1867 kaufte Großvater Emanuel Morsbach (1837-1903) vom verschuldeten Vorbesitzer den Kotten. Manuel hatte dort schon seine Lehre gemacht und war dann dort als „Halblöhner“ tätig, musste also den halben Gewinn abtreten. „Manuel war ein fleißiger Kerl“, lacht sein Enkel Helmut und meint damit nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg – gemeinsam mit Ehefrau Ida zeugte Manuel neun Kinder.

Ob es damit zusammenhing, dass die Adresse ihres Fachwerkhauses damals „Hoffnung“ lautete? Heute lebt am Friedrichshammer 1 in vierter Generation Sohn Karl-Helmut, der es liebevoll restauriert hat. Dass Helmut Morsbach hier geboren wurde, war nicht vorbestimmt: Denn Vater Karl war kein Schleifer, sondern Musiker: Geige, Trompete und Flöte habe er gespielt, erzählt Sohn Helmut, er sei 1. Geiger im Orchester des Königlichen Musikdirektors Fritz Brase gewesen, habe sogar vor dem Kronprinzen gespielt.

Helmut Morsbach hütet einen Brief von Brase, in dem dieser dem Vater verspricht, dass er nach dem 1. Weltkrieg für ihn sorgen würde. Doch statt mit Brase nach Irland zu gehen, übernahm Helmut den Familienkotten. Bruder Robert, der ihn zwischenzeitlich mit Cousin August geführt und nach einem verheerenden Brand 1901 wieder aufgebaut hatte, war im Weltkrieg gefallen. Warum sein Vater 1918 in Berlin alles hinschmiss, rätselt Helmut Morsbach noch heute: War eine unglückliche Liebe im Spiel? „Alle unsere Hunde hießen jedenfalls Wanda“, rätselt Helmut Morsbach über die Hintergründe: „Er hat nie gesagt warum“, nur ein einziges Mal habe er erlebt, dass der Vater auf der Geige spielte.

Nur zwei Klassen: Schulunterricht „im Schichtbetrieb“

Helmut wuchs in einem Idyll auf, das aber von viel Arbeit geprägt war: Die Eltern besaßen eine Kuh, Pferd und Wagen für die Auslieferung der Schleifwaren und 100 Obstbäume. Noch bevor er in die Schule kam, musste Helmut Morsbach mit ran: Heu machen, die Tiere versorgen, Stroh kleinschneiden, Unkraut im Garten zupfen, dem Vater mittags das Essen bringen. Ab der fünften Klasse, erinnert sich der 90-Jährige, fuhr er mit dem halbblinden Fuhrmann auch die Ware aus, manches Mal war der junge Helmut da abends so erschöpft, dass er bei den Hausaufgaben einschlief.

„Der Lehrer Kampmann hatte Verständnis für mich, wenn ich mal zu spät kam“, erinnert sich Helmut Morsbach an seine Volksschulzeit in der Schulkohlfurth – in Schichten wurden die Schüler der Klassen 1-4 und 5-8 hier durch zwei Lehrer unterrichtet. Trotz der Arbeit: Er habe eine wilde und freie Jugend gehabt, blickt Helmut Morsbach zurück: „Manchmal hätte man aber gerne auch Fußball gespielt statt auszuliefern.“ Nach dem Krieg kehrte Helmut Morsbach 1946 aus der Gefangenschaft zurück. Der Kotten war heil geblieben, Vater Karl und Vetter Ernst hatten gut zu tun, besonders nach der Währungsreform boomte das Geschäft und bis zu acht Schleifer waren im Kotten zu Gange. Helmut wurde in die Lehre zu Daniel Kremendahl geschickt – zu Fuß ging’s durch das Kaltenbachtal an die Rather Straße.

Volle Stube: Am Fernseher das WM-Finale 1954 geschaut

Als Helmut Morsbach 1958 den väterlichen Anteil mit 32 Jahren übernahm und den Kotten mit Vetter Ernst führte, war er schon seit vier Jahren mit Ehefrau Ruth (85) verheiratet: 1948 hatten sich die beiden im Tanzlokal in Solingen kennengelernt, 1954 wurde geheiratet. Und zwar per Haustrauung, denn Vater Karl weigerte sich, eine Kirche zu betreten. Also kam Pastor Hermanns zum Friedrichshammer, das Glockengeläut kam per Schallplatte sogar vom Kölner Dom, vom Polterabend am Freitagabend bis zum folgenden Mittwoch wurde durchgefeiert.

Ruth Morsbach wurde durch die Heirat ins kalte Wasser geworfen – vom Schleifen hatte sie keine Ahnung, sondern war zuvor bei Dr. Hillers Pfefferminz in Gräfrath tätig. An der Seite von Ehemann Helmut versorgte sie die Tiere und den Garten, brachte dem Mann mittags das Essen, während die beiden Söhne im Kindergarten beziehungsweise der Schule waren, arbeitete sie vormittags im Kotten an der Schleifmaschine: „Das kann nicht jeder. Man muss flink und geschickt sein – meine Frau war’s“, attestiert Helmut Morsbach seiner Ruth.

Helmut Morsbach: „Ich war immer doll auf den Kotten“

Bis 1987 bestimmte der Kotten das Leben: Um 7.30 Uhr morgens ging’s los, Feierabend war kaum einmal vor 20 Uhr. Bis auf den Millimeter genau schliff Helmut Morsbach von der 20 Zentimeter kleinen Heckenschere bis zum 8 Kilo schweren Cuttermesser alles, was einen besonders feinen Schliff brauchte – „wir hatten quer durch den Garten gut zu tun“. Und zwar so gut, dass man sich am entlegenen Friedrichshammer schon 1953 den ersten Fernseher leisten konnte: 45 Gäste stapelten sich vor dem Gerät in der Stube, als das WM-Endspiel bei den Morsbachs geschaut wurde – „wir haben sogar die Türen ausgehängt“, erinnert sich das Ehepaar.

Und wie hielt er zwölf Stunden täglich zwischen Brett und Schleifstein, Kälte und Nässe im Winter, Hitze im Sommer über 40 Jahre lang aus? „Ich war immer doll auf den Kotten“, schaut Helmut Morsbach zufrieden zurück: „Man muss dafür geboren sein – das war mein ein und alles.“ Das Denkmal betritt Helmut Morsbach heute nicht mehr. Aber auch aus der Entfernung ist er froh, dass es ein lebendiges Museum ist und dort noch immer gearbeitet wird: „Ich freue mich, dass er für die Allgemeinheit erhalten bleibt.“

Das lebendige Denkmal Manuelskotten

Der Manuelskotten soll um 1850 errichtet worden sein, Helmut Morsbach spricht vom Jahr 1755. Um 1900 hatte der Kotten seine wohl höchste Mitarbeiterzahl – bis zu 28 Schleifer waren im Schichtbetrieb an den fünf Naß- und Trockenschleifstellen im Untergeschoß und an den Pliest- und Polierscheiben im Obergeschoß tätig. Diese Schleifer waren zum größten Teil selbstständig, weiß Helmut Morsbach. Seit 1988 im Besitz der Stadt ist der Kotten heute eine Außenstelle des Historischen Zentrums.

Und nicht bloß ein industriegeschichtliches Denkmal: In dem Kotten auf halbem Weg zwischen Cronenberg und Kohlfurth wird noch immer richtig gearbeitet. Pächter Dirk Fromm schleift im letzten mit einem Wasserrad betreibbaren Kotten der Region Cuttermesser für die fleischverarbeitende Industrie. Mehr Infos unter www.manuelskotten.de. Das nächste Mal öffnet der Förderverein den Kotten am kommenden Sonntag, 25. September 2016, von 10.30 bis 17 Uhr für Besichtigungen.