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22.02.2017, 20.12 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Nein zu Glasbau an Ref. Kirche: „Die Stadt macht, was sie will“

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Denkmalschutz scheint hier kein Problem zu sein: So sieht sie aus, die aktuelle Planung zum Verbindungsbau zwischen dem Engels-Haus und der Kannegießer’schen Fabrik dahinter. -Ausschnitt Animation: Architekturbüro Antonio Quintiliani

Im November 2020, zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels, soll ein gläsernes Foyer als zentraler Anlaufpunkt für das Historische Zentrum und als Verbindung zum Engels-Haus und den weiteren denkmalgeschützten Gebäuden des Ensembles fertig sein. Warum wir über den zunächst als „Chinese Welcome Center“ geplanten Glasbau berichten, wo das Besucher- und Begrüßungszentrum doch im fernen Barmen enstehen soll? Weil auch in Cronenberg ein gläserner Anbau geplant ist.

An der Rückseite der Reformierten Kirche, gegenüber dem Kulturzentrum Borner Schule, würde die Evangelische Gemeinde Cronenberg gerne einen Glasbau setzen, der Toiletten, eine kleine Küche sowie einen Raum zum Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst oder auch als Aufenthalt für Musiker oder Brautpaare bieten soll. Hierzu sagen die Untere Denkmalbehörde und das Rheinische Amt für Denkmalpflege aber „Nein“ – das gehe nicht wegen des Denkmalschutzes. Das wirft die Frage auf: Messen die Denkmalschützer von Stadt und Bezirksregierung mit zweierlei Maß?

Glasbau: Ersatz für „Störfaktor Kleines Häuschen“

Denn was in Cronenberg nicht geht, soll ja am Engels-Haus möglich sein. „Stimmt nicht“, sagten die Denkmalschützer am 15. Februar 2017 bei einem Ortstermin mit der CW: Eine Kirche sei mit dem Ensemble in Barmen überhaupt nicht vergleichbar. „Stimmt doch“, erwidert der Cronenberger Heimat- und Bürgerverein (CHBV): Der CHBV sieht durch das Veto der Denkmalschützer eine Aufwertung des Kirchenumfeldes blockiert – und zugleich einen zentralen Wunsch des Vereins: Die Schaffung eines zentralen Platzes in der Ortsmitte, der zum Beispiel für den Wochenmarkt, kleine Feste oder auch einen Weihnachtsmarkt genutzt werden könnte.

Der Bereich um die Reformierte Kirche ist der Schokoladen-Teil der Cronenberger Ortsmitte: Die Hütte, die Fachwerkhäuser entlang der Solinger Straße und rund um den Hans-Otto-Bilstein-Platz sowie das Kulturzentrum Borner Schule können sich sehen lassen. Das schmucke Gesamtbild wird allerdings am Haupteingang zur Reformierten Kirche gestört: Das sogenannte Kleine Häuschen verstellt nicht nur die Blickachse zum Kulturzentrum, mit seiner tristen Fassade im Stile der 1960er Jahre ist es ein echter Störfaktor.

„Letzte Möglichkeit für einen Platz in der Ortsmitte“

Und noch dazu einer, welcher der Gemeinde teuer zu stehen kommt: Rund 6.000 Euro betragen jährlich allein die Stromkosten, berichtet Baukirchmeister Dirk Picard – das Häuschen ist energetisch ein Fass ohne Boden. Und verstellt noch dazu die Entwicklung des dahinter liegenden Platzes – lieber heute als morgen würde die Gemeinde den Sanierungsfall daher abreißen lassen. Doch ein Ersatz für die Toiletten oder die kleine Küche müssten her. Daher beauftragte man den renommierten Architekten Hans Christoph Goedeking, Ideen für einen Ersatz zu entwickeln.

CHBV-Vize Stephan Ries (li.) und Kirchmeister Winfried Straube an der Reformierten Kirche. Davor steht das Kleine Häuschen. -Foto: Meinhard Koke

CHBV-Vize Stephan Ries (li.) und Kirchmeister Winfried Straube an der Reformierten Kirche. Davor steht das Kleine Häuschen. -Foto: Meinhard Koke

Goedeking schlug einen vier mal elf Meter großen Bau am rückwärtigen Seiteneingang der Reformierten Kirche vor. Viel Glas sollte dabei ein Maximum an Transparenz schaffen. Auch sollte der Glasbau nicht direkt an die Kirche gesetzt werden, sondern mit einem Abstand von etwa zwei Metern – wegen des Denkmalschutzes. An dieser Idee fand auch der Cronenberger Heimat- und Bürgerverein (CHBV) viel Gefallen: Der CHBV hat seit Jahren die Umgestaltung des Entrees zur Reformierten Kirche im Visier. „Das ist die einzige Möglichkeit für die Schaffung eines größeren Platzes in der Ortsmitte“, sagt CHBV-Chef Rolf Tesche: In Verbindung mit dem Bilstein-Platz und dem Parkplatz an der Borner Schule entstünde eine Fläche für kleinere Feste, Freiluft-Konzerte oder auch den Wochenmarkt – ein gelungener Wurf, finden Gemeinde und Bürgerverein.

Aufwertung der Ortsmitte versus Denkmalschutz

Gemeinde dafür, CHBV dafür – alle dafür? Nein, beim Ortstermin erteilte die Untere Denkmalbehörde der Idee eine Absage. Grund eins: Die Reformierte Kirche sei eine der wenigen noch freistehenden Barockkirchen in der Region. Zweitens: Ihr Denkmalschutz beziehe sich auch auf das Umfeld der Kirche. Von ihren allesamt gleichberechtigten Eingängen dürfe keiner zugebaut werden. Viertens würde ein Glasbau nicht nur den Blick auf die Reformierte Kirche, sondern auch die Blickachse in die Hütte stören. Abgesehen davon, so Dr. Klaus-Ludwig Thiel (Rheinisches Amt für Denkmalpflege) und Uwe Haltaufderheide (Untere Denkmalbehörde) weiter, handele es sich bei der Fläche hinter der Kirche um einen ehemaligen Friedhof und Bodendenkmal-Auflagen seien zu beachten.

Als Alternative schlugen die Denkmalschützer eine Eckfläche an der Treppe zum Kulturzentrum vor. Dass auch hier Friedhof war, kein Problem; dass auch an dieser Stelle der Blick auf die Reformierte Kirche nicht mehr frei wäre, ebenso kein Problem; dass Musiker mit ihren Instrumenten oder Brautpaare bei Wind und Wetter einen ungleich längeren Weg in die Kirche hätten – zumutbar; dass dafür zumindest zwei der stattlichen Bäume hinter der Kirche gefällt werden müssten, offenbar sowieso egal.

Obwohl mehrstöckig: Am Engels-Haus wird’s „leicht und transparent…“

„Das ist genau das, was wir nicht wollen“, betont CHBV-Vize Stephan Ries, „die Eck-Variante gefällt uns gar nicht“, unterstreicht CHBV-Chef Rolf Tesche. Der von der Gemeinde favorisierte Standort für den Glasbau sei der optimale, der praktischste, würde am wenigsten stören, kurzum: Der Glasbau am hinteren Seitenausgang böte die besten Voraussetzungen für eine Aufwertung des Areals. „Hier wird mit zweierlei Maß gemessen“, meint Rolf Tesche daher, und dieser Eindruck drängt sich beim Blick auf die Pläne am Engels-Haus auch auf.

Als „wichtiges städtebauliches Ensemble“ werden die Gebäude in der Denkmalliste beschrieben – der imposante Entwurf für das Engels-Foyer stört das offenbar nicht. Aber das Foyer soll ja auch „leicht und transparent“ werden, heißt es von der Stadt – Stephan Ries kann darüber nur gequält lächeln: „Die Stadt macht immer das, was sie will“, findet der CHBV-Vize…