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20.06.2017, 20.19 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

„Der Kontrabass“ im TiC: Furioses Solo einer traurigen Existenz

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Ein Mann und sein Instrument: Carsten Müller brilliert in dem Süskind-Stück „Der Kontrabass“ im Studio“ des TiC-Theaters. -Foto: Martin Mazur

Carsten Müller betritt durchs Publikum das TiC-Studio. Er schüttelt einigen Zuschauern die Hand – wie ein Maestro, der auf dem Weg ans Dirigentenpult dem Konzertmeister die Hand gibt. Und wie es wohl am Abend dieses Tages sein wird, wenn er unter Stardirigent Barenboim im Staatsorchester spielen wird… Carsten Müller spielt in dem Ein-Mann-Stück „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind, das Ralf Budde im TiC-Theater in Szene gesetzt hat, den… – genau: Kontrabassisten.

Der Mitvierziger, allein mit seinem Bass in einer schallgedämmten Wohnung lebend, die so trist ist wie sein Dasein, sinniert in einem Monolog über sein Instrument, die Musikhistorie, seine Sehnsüchte und Enttäuschungen, sein Leben. Wenn er am Abend konzertieren wird, dann wird er niemanden begrüßen – und niemand ihn. Er wird als einer von vielen im Schatten stehen. Als einer unter vielen? Nein, als Schlusslicht – denn er ist ein Kontrabassist, und Kontrabassisten stehen im Orchester fast ganz hinten.

Wahnwitz: „Wäre die Psychoanlayse früher erfunden worden,
wäre uns manches von Wagner erspart geblieben…“

„Nach uns kommt nur noch die Pauke“, sagt er. Aber obwohl sich auf der Pauke nur ganze vier Töne spielen ließen, wenn sie ertönt, dann schaue alles auf sie, beklagt er  – „aha, die Pauke“. „Nicht, dass Sie glauben, ich wäre neidisch“, unterstreicht der Musiker zunächst, schließlich: Ein Dirigent ohne Kontrabass, das wäre ja wie ein Kaiser ohne Kleider. „Zwölf Kontrabässe, wenn die wollen“, die könnte man mit einem ganzen Orchester nicht in Schach halten.

Ein Orchester könne zwar auf den Dirigenten verzichten, aber doch nicht auf den Kontrabass! Und überhaupt: Richard Wagner? Wäre die Psychoanalyse schon vor 160 Jahren erfunden, wäre der Musikgeschichte manches von Wagner erspart geblieben – er hasst Wagner! Während er ein Bier nach dem anderen trinkt („Ich habe einen wahnsinnigen Flüssigkeitsverlust“), schlägt die wahnwitzige Hymne auf das Instrument und sich selbst um in das Klagelied eines Verbitterten, eines Gescheiterten.

Trauerspiel: Zum Sex raus aufs Land – nur weit weg vom Instrument

Als Sündenbock dafür muss zunächst das Instrument herhalten: so unbedeutend, dass es gerade vier Werke dafür gebe; so monumental, dass es von einem Kind nicht erlernt werden könne; so groß, dass der Kontrabassist nicht mal aufstehen müsse, um den Schlussapplaus entgegenzunehmen – „der Kontrabass ist das scheußlichste, plumpeste, uneleganteste Instrument, das je erfunden wurde“. Sein Kontrabass, so beklagt er in seinem „Abgesang“, behindert ihn sogar sexuell. Wenn er Sex haben wolle, müsse er ins Hotel oder raus aufs Land – nur weit weg von seinem alles beherrschenden Instrument daheim.

So würde es vielleicht mit der Mezzosopranistin Sarah klappen, in die er verliebt ist. Für sie spielt er sein „Waldschrat-Instrument“ besonders schön. Doch sie weiß nichts davon, denn sie hört es nicht heraus – noch nicht einmal sein Kontrabass-Kollege neben ihm im Orchester merkt ja was davon. Also überlegt er, sich mit einem Paukenschlag aus der Belanglosigkeit zu befreien: Wie wäre es wohl, wenn er sich traute, sein Leben auf den Kopf zu stellen, wenn er einfach in der Oper laut „Sarah“ schreie…?

„Der Kontrabass“: Vor 30 Jahren das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen

Auch wenn es nur einen Handlungsort gibt und nur einen Akteur, das Stück von Patrick Süskind ist nie langweilig: Fast gebannt klebt der Zuschauer an den Lippen des Musikers, sich fragend: Was für Ungeheuerlichkeiten, Absurditäten und Aberwitzigkeiten mag das Stakkato denn noch bereithalten? Die Antwort: Einige, Süskind weiß den Zuschauer immer wieder aufs Neue zu überraschen, sein monologisierender Kontrabassspieler macht hier lachen, sorgt dort dafür, dass das Lachen im Halse stecken bleibt, und lässt den Zuschauer da den Kopf schütteln – unglaublich, was Süskind für eine Figur erschaffen hat…

Mit gutem Grund war „Der Kontrabass“ in der Spielzeit 1984/85 das meistgespielte Stück an deutschsprachigen Bühnen. Was noch kein Komponist komponiert hat, das habe Süskind geschrieben: „ein abendfüllendes Werk für einen Kontrabass-Spieler“, urteilte ein Kritiker – so ist es. Und Carsten Müller gibt den Musiker im TiC virtuos. Applaus für seine Energieleistung: Anderthalb Stunden allein auf der Bühne, das ist wie das Konzert für Kontrabass und Orchester von Johann Carl Ditters von Dittersdorf – ein Kraftakt – und ein gewaltiger Flüssigkeitsverlust obendrein…!

Carsten Müller: Brillanter „Kontrabass-Virtuose“

Carsten Müller brilliert aber auch auf der Klaviatur der Gefühle: Er ist narzistisch, grotesk, bitterböse, ja faschistoid, … und er ist ein armer, Kerl, Carsten Müller beherrscht die Süskind-Komposition des Kontrabassisten großartig! Das sahen nicht alle Premieren-Zuschauer im TiC so: Nach der Pause blieben ein paar Plätze leer. „Der Kontrabass“ ist eben vielleicht so, wie das Kontrabass-Hauptwerk des Komponisten von Dittersdorf: Man muss dem Süskind-Stück aufmerksam folgen.

Wer dazu nicht bereit ist, dem erschließt sich nicht die tiefgründige „Klangfülle“ der Groteske. Unsere Empfehlung: Gehen Sie ins TiC und hören Sie zu – ein geniales Instrument mit einem Teufels-Kontrabassisten! Karten gibt’s unter Telefon 0202 47 22 11, im TiC-Büro an der Hauptstraße 5 sowie im Internet unter www.tic-theater.de.