Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

23.02.2018, 16.49 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

„Talfahrt 2017“: Kabarett-Höhenflüge im Knipex-Forum

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„Dokterten“ gekonnt am „Patienten Wuppertal“ herum: Ulrich Rasch, Jens Neutag und Jürgen H. Scheugenpflug (v.l.) stellten bei ihren zwei ausverkauften Auftritten im „Forum“ der Firma Knipex das vergangene Wuppertal-Jahr nach allen Regeln der Kabarett-Kunst auf den Kopf... -Foto: Meinhard Koke

Großrazzia im Baugewerbe, „Die Mauer muss weg“-Proteste oder auch der Wogen schlagende Abgang zweier Top-Steuerfahnder – Wuppertal sorgt auch in den ersten Wochen 2018 beständig für (Negativ-)Schlagzeilen. Und bekräftigt damit die überregionale Wahrnehmung als eine Stadt, in der es – gelinde gesagt – nicht so ganz rund zu laufen scheint. Ob sich Wuppertal da signifikant von anderen Städten unterscheidet, wäre die Frage. Keine Frage ist indes: Das „Jammertal“ bietet viel Stoff für Spaß – Jens Neutag, Ulrich Rasch und Jürgen H. Scheugenpflug stellten wieder unter Beweis, dass Wuppertal für Kabarettisten ein gefundenes Fressen ist. Im Rahmen ihres alljährlichen Satire-Rückblicks „Talfahrtzog das Trio zum bereits neunten Mal eine kabarettistische Bilanz des Wuppertal-Vorjahres – gemixt und geschüttelt mit einem Schuss Bundespolitik sowie musikalischen Intermezzi gestalteten die „Talfahrer“ zweieinhalb Stunden unterhaltsamster „Heimatpflege“.

Die Döppersberg-Mauer ist ein Glück!

Zwei Abende machte die „Talfahrt“ in der letzten Woche im ausverkauften „Forum“ der Firma Knipex Station, die Fahrtrichtung gab das Kabarett-Trio gleich zu Beginn vor: „Talfahrt ist wie Seilbahn-Fahren“, stimmten sie das Publikum ein – „nur ohne Seil…“ Insofern hieß es „Festhalten, bitte“, als sich Neutag, „Scheuge“ und Rasch quartalsweise durch die Wuppertal-Schlagzeilen 2017 arbeiteten. Von Vohwinkel bis Oberbarmen, vom Rottsiepen bis zum „Hühner-Baron“ Hennenberg auf der Nordhöhe ging’s quer durch die Stadt – im besonderen Fokus des Trios: Über Oberbarmen und seiner Bezirksbürgermeisterin Christel Simon gossen die Heimatpfleger kübelweise Hohn und Spott aus.

Nachweihnachtliches Beispiel: Was tun, wenn in Oberbarmen der Baum brennt? „Mit zwei Dosen handwarmem Paderborner löschen“, lautete der Verbraucher-Tipp der Talfahrer. Aufs Korn nahmen sie auch den Wunsch von Christel Simon, dass Oberbarmen dealerfrei werden möge: „Aber dann ist da ja niemand mehr auf der Straße…“ – das Cronenberger Publikum schlug sich auf die Schenkel! Der Oberbarmer CW-Leser sei beruhigt, nicht nur der Wuppertaler Osten war im „Talfahrt“-Fokus. Lichtmasten weg am Sonnborner Kreuz – kein Problem: Im Dunkeln ist Sonnborn viel schöner! Brücke Brandströmstraße weiter gesperrt – na und: „Hurra, Heckinghausen ist weiter abgesperrt!“, freut sich der Barmer. Natürlich gaben Neutag, Scheugenpflug und Rasch ihren Senf auch zum Döppersberg-Umbau: Entsetzen über die Natursteinmauer? Andersrum wird ein Schuh draus: „Was für ein Glück, dass man den Hauptbahnhof nicht sieht!“

GWG ist „bergische Version von Boris Becker“

In einer Stadt, wo Nebenstraßen so aussehen wie Feldwege in Gabun, avancierte der Hit „I will survive“ zur „Talfahrt“-Hymne „Es ist egal – scheiß-egal“. Denn, so fanden die Spaßmacher: „Hagen, Duisburg – woanders ist es ja auch nicht besser – et is scheiß-egal…!“ Auf den abgewählten Beteiligungsdezernenten Paschalis intonierten die Kabarettisten derweil zur Melodie von „Akropolis adieu“ „Panagiotis adieu, du musst geh’n – tschö…“, um zu befinden: „Jetzt macht er das, was er am besten kann – bezahlten Urlaub…

Zum musikalischen Roten Faden avancierte der Hit „80 Millionen“. Ob „Nur eine halbe Million – tüdelü“ zum „Fall Paschalis“, „nur 58 Million – tüdelü“ zum GWG-Rettungspaket oder „Noch ‘ne Million – tüdelü“ zu den Zusatzkosten für die „vergessene“ Seilbahn-Talstation – immer wieder spielte Ulrich Rasch im Laufe des Abends den Refrain des Giesinger-Hits an. CDU-Bundestagsabgeordneter Jürgen Hardt avancierte derweil zum „Teppichluder“, Baudezernet Frank Meyer (SPD) durfte sich wegen der beiden Bahn-Sperrungen 2017 in der Fahrrad-Rikscha abstrampeln, Kämmerer Johannes Slawig wurde zum „kleinen Eintreiberlein“ und die GWG zur „bergischen Version von Boris Becker“.

„Werkbank-Striptease“ bei Knipex?

Geradezu „knüppeldicke“ kam’s für CDU-Chef Rainer Spiecker. Dazu lehnten sich die Talfahrer allerdings bequem zurück: Sie ließen lediglich eine Sequenz aus Spieckers WDR-Kandidatencheck-Video zur Bundestagswahl über die Leinwand im Knipex-Forum flimmern – auweia, Kabarett live, da raste das Cronenberger Publikum… Ebenso wie zu den Schultüten-Einsichten von Neutag & Scheuge: In Oberbarmen sei die Füllung aus dem Aldi, in der Luisenstraße steckten selbstgeschnitzte Dinkelstifte drin und am Ölberg? Na, da würden die (Schul-) Tüten glatt weggeraucht…
Dass Knipex den German Design Award für seine Abmantelungs-Zange „ErgoStrip“ (die CW berichtete) erhalten hatte, ließ die Kabarettisten rätseln: Wird beim Dörper Zangen-Weltmeister an der Oberkamper Straße wohl „Striptease anne Werkbank“ betrieben?

Es ließen sich noch einmal so viele Spitzen und Späße der Talfahrer benennen – zum Spaß des Publikums warf die Talfahrt 2017 noch jede Menge weitere Fragen auf. Die Antwort gab das Publikum: Mit stehendem Applaus und Zugabe-Rufen feierten sie die Kabarett-Abende – mit dem abgewandelten Guildo-Horn-Hit „Talfahrt hat euch lieb“ und dem obligatorischen „Wuppertal-Liebeslied“ bedanken sich Jens Neutag, Ulrich Rasch und Jürgen H. Scheugenpflug für die Ovationen. Für die einen waren es einfach amüsante zweieinhalb Stunden, für die anderen war die „Talfahrt“ einmal mehr der wahrscheinlich schönste Wuppertal-Abend des Jahres, könnte man in Anlehnung an einen bekannten Schokoriegel-Werbespruch formulieren: Jens Neutag, Ulrich Rasch und Jürgen H. Scheugenpflug stellten wieder unter Beweis, dass es sich mit Wuppertal so verhält wie mit Beton – es kommt darauf an, was man d’raus macht…

Mehr Infos unter www.talfahrt-wuppertal.de. Übrigens: Am 27. Februar 2018 gastiert Jens Neutag um 20 Uhr solo mit seinem Programm „Volldampf“ im TiC-Atelier in Unterkirchen 100. Mehr Infos unter jensneutag.de, Karten für das Cronenberg-Gastspiel gibt’s unter www.tic-theater.de, der Rufnummer 0202 47 22 11 und natürlich im TiC-Büro an der Hauptstraße 3.