11.01.2019, 16.36 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

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Menschenrechtspreis: Film über junge FBR-Schülerin prämiert

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Vanessa Ogiagbe (2.v.r.) bei der Preisverleihung auf der Bühne mit Joachim Gauck und Iris Berben oder auch Bjarne Mädel. -Foto: Oliver Gerhartz

Jene, die gegen „Kopftuchmädchen“ hetzen, sollten sich für 10 Euro vielleicht diese Doppel-DVD leisten. Sie heißt „Liebe in der Fremde“, ist vom Medienprojekt Wuppertal und darauf sind elf Kurzfilme. Darunter auch „Just a normal girl“ – ein buchstäblich „ausgezeichneter“ Film: Seine Protagonistin, Vanessa Ogiagbe, Zehntklässlerin der Friedrich-Bayer-Realschule (FBR), und Regisseurin Yasemin Markstein wurden dafür mit dem Deutschen Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

In der Kategorie „Amateur“ nahm Vanessa Ogiagbe den Filmpreis vor rund 500 Gästen in der Nürnberger Tafelhalle entgegen. Im Beisein von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, dem Schirmherrn des Wettbewerbs, hielt mit Iris Berben die Präsidentin der Deutschen Filmakademie die Laudationes.

„Ich hätte mir nicht träumen lassen, jemals sowas Tolles zu erleben“

Vanessa Ogiagbe wurde als erste Preisträgerin auf die Bühne gebeten – von der Mutter und dem Bruder bewundert, die stolz im Publikum saßen. Nervös sei sie gewesen, blickt Vanessa zurück, letztlich fand sie die Preisverleihung aber „sehr wunderbar“. Altpräsident Gauck habe sehr berührend gesprochen, geradezu begeistert zeigt sich die 15-Jährige von der Aura der Schauspielerin Iris Berben. Ihre Worte werde sie nicht vergessen – „das alles war eine tolle Sache, ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich in meinem Leben jemals so etwas Tolles erleben würde“, berichtet Vanessa von der Preisverleihung in Nürnberg.

Dass sie zum Ende des Jahres mit einer Statue ausgezeichnet werden würde, war im Frühjahr tatsächlich nicht unbedingt zu erahnen: Da trat sie ihr Schulpraktikum beim Medienprojekt Wuppertal an. Hier kam Vanessa in Kontakt mit der angehenden Filmemacherin Yasemin Markstein, die sie prompt auf ihr Kurzfilm-Projekt „Liebe in der Fremde“ ansprach. Das dreht sich um junge Geflüchtete, auch Vanessa war mit ihrer Mutter und dem Bruder aus Nigeria geflohen. Weil der Vater gewalttätig war und Vanessa zwangsverheiraten sowie beschneiden lassen wollte, ergriff die Mutter mit ihren beiden Kindern die Flucht.

FBR-Schülerin Vanessa Ogiagbe mit der Kurzfilm-DVD, auf der auch ihr Film zu sehen ist. -Foto: Meinhard Koke

FBR-Schülerin Vanessa Ogiagbe mit der Kurzfilm-DVD, auf der auch ihr Film zu sehen ist. -Foto: Meinhard Koke

„Den Preis absolut verdient: Beispiel für gelungene Integration“

Eine Spendensammlung einer christlichen Gemeinde in der Hauptstadt Lagos ermöglichte der Mutter und ihren beiden Kindern schließlich den Flug nach Paris. Im Zuge der großen Flüchtlingswelle 2015 beantragte sie schließlich in München Asyl. Über Aufnahmelager in Duisburg und Unna kamen Vanessa und ihre Familie schließlich nach Wuppertal – ein Glück, wie die 15-Jährige findet. Hier hat sie viele Freunde gefunden, auch an der Friedrich-Bayer-Realschule fühlt sie sich wohl. Und auch Klassenlehrerin Steffanie Thielen-Schroeder ist voll des Lobes für Vanessa.

Aus der Internationalen Klasse habe sie bereits nach einem Jahr den Sprung in die Regelklasse geschafft, sie sei voll integriert und eine gute Schülerin – die Mittlere Reife mit Qualifikation, also der Berechtigung zum Übergang aufs Gymnasium sei erreichbar, attestiert die FBR-Lehrerin ihrer Schülerin, ein Beispiel für gelungene Integration zu sein. Und noch dazu sei Vanessa fröhlich und aufgeweckt, findet Steffi Thielen- Schroeder – trotz ihres Schicksals, das in dem Film berührend geschildert werde und für den die 15-Jährige auch selbst mit der Hand-Kamera daheim Aufnahmen machte: „Dieser Film hat den Menschenrechtspreis absolut verdient“, bescheinigt die Lehrerin.

Statt Mitleid: Dankbar, dass das Schicksal sie ins Tal führte…

Das fand auch die Jury: Der Film besteche „durch seinen Kontrast zwischen eindringlich und bildhaft erzählten Interviews und den jugendlich lebensfrohen Aufnahmen des Alltags der Filmemacherin und Protagonistin Vanessa“, fanden die Juroren: „Der Film schafft es durch die reflektierte Haltung der Protagonistin, sich nicht damit aufzuhalten, Mitleid zu erwecken, sondern bestärkt auf kraftvolle Weise, sich für die eigenen Rechte einzusetzen und gegen Widerstände anzugehen.

„Just a normal girl“, der Titel des Filmes, ist zugleich Credo von Vanessa. Sie hadert nicht mit ihrem Fluchtschicksal, sie hat es angenommen, ihre „Liebe in der Fremde“ ist ihr neues Leben in Wuppertal. Deshalb scheute sie sich auch zunächst, den Film ihren Freundinnen zu zeigen. Denn eines möchte Vanessa nicht: Mitleid. Sie ist vielmehr dankbar für ihre Vergangenheit, für ihr Schicksal, „weil es mich hier nach Wuppertal geführt hat, wo ich glücklich bin“, sagt die 15-Jährige, die nichts anderes sein möchte als: einfach ein ganz normales Mädchen.

„Der Film ermutigt, trotz schwieriger Umstände, einen Ausweg zu suchen und bekommt dafür den Menschenrechtspreis in der Kategorie Amateure“, urteilt die Jury – nicht nur der Film, auch Vanessa ermutigt…!

Preis & Film-DVD

Der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis ist ein unabhängiger Medienwettbewerb, der alle zwei Jahre am Vorabend des Internationalen Tages der Menschenrechte in Nürnberg überreicht wird. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und versteht sich als Ehrung durch die Zivilgesellschaft. Der Dokumentarfilm „Just a normal Girl“ ist ein Kurzfilm der Projekt-Reihe „Liebe in der Fremde“ der Filmstudentin Yasemin Markstein, die vom Medienprojekt Wuppertal produziert wurde. Die Filmreihe ist über die Homepage des Medienprojekt Wuppertal zum Preis von 10 Euro unter www.medienorojekt-wuppertal.de bestellbar.

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