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17.01.2019, 13.29 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Heute vor 60 Jahren: Paul Mehlings Rekordsprung für die Ewigkeit

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Paul Mehling im Jahr 2019 mit einem historischen Kalenderblatt des CHBV, das ihn bei seinem Rekordsprung von 1959 zeigt. | Archiv-Foto: Meinhard Koke

„Aber, hallo…“, sagt Paul Mehling auf die Frage, ob er die Vierschanzen-Tournee am Fernseher verfolgt hat: „Das ist Pflicht – wie eigentlich jegliche Skisport-Übertragung“, ergänzt Ehefrau Angelika Huppertsberg-Mehling. Ist ja auch klar, schließlich ist Paul Mehling sozusagen ein Kollege von Tourneesieger Ryōyū Kobayashi und dessen Konkurrenten Markus Eisenbichler: Einst flog das Urgestein des Ski-Clubs Cronenberg (SCC) nämlich selbst als Skispringer durch die Lüfte.

Und in diesen Tagen jährt sich Mehlings Rekordweite für die Ewigkeit: Am 17. Januar 1959 sprang Paul Mehling 33 Meter auf der damaligen Skisprung-Schanze im Gelpetal. Auch 60 Jahre danach hält sein Rekordsatz, schließlich wurde die Schanze hinter dem Wald-Restaurant „Haus Zillertal“ in den 1970er-Jahren stillgelegt und dann abgerissen. Seit zehn Jahren erinnert eine Gedenktafel und eine Paul-Mehling-Bank am ehemaligen Standort der „Luftsprünge“ daran, dass Wuppertal einstmals die einzige deutsche Großstadt mit einer Skischanze war – die Original-Skier, welche die Eingänge zu dem Gedenk-Pfad am Skisprung-Hang zierten, sind aber inzwischen der Witterung zum Opfer gefallen.

Bis „89“ auf der Piste: Der älteste Skilehrer der Welt

Paul Mehling indes trotzt den Widernissen des Alterns: Mit mittlerweile 91 Jahren hat er zwar seine Skier an den Nagel gehängt. Vor zwei Jahren aber, mit immerhin 89 Jahren, stand Paul Mehling noch als damals wohl ältester Skilehrer der Welt auf den Brettern und begleitete seine letzte DSV-Skifreizeit in den Alpen – wie in den Jahrzehnten zuvor ehrenamtlich unzählige Freizeiten mehr für den Westdeutschen Skiverband (WSV). Dazu engagierte sich Paul Mehling zunächst als Jugendwart und später 43 Jahre lang als Vorsitzender des Ski-Clubs Cronenberg – Mehling ist nicht nur SCC-Ehrenvorsitzender, er ist die lebende Legende des Vereins, der in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen feiern kann.

Und Mehling zählte auch zu den tatkräftigen Helfern, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges daran machten, die Gelpe-Schanze wieder aufzubauen. Die erste Schanze, die 1932/33 hinter dem „Haus Zillertal“ gebaut und 1934 eingeweiht worden war, wurde während des Krieges demontiert – ihr Holz musste als Brennholz herhalten. Ab 1948 machten sich Paul Mehling und seine Mitstreiter dann daran, eine neue, sogar größere Schanze zu bauen. Die Erinnerung daran ist zwar verblasst – kein Wunder, wenn man in einem langen Leben so viel erlebt hat. Dass auch Strommasten zum Bau des Sprungturmes herangekarrt wurden, das weiß Paul Mehling aber noch.

Als „Après-Ski“ ging es zum „Skihasen-Ball“ ins Zillertal

Zwei Jahre später, am Neujahrstag 1951, wurde die Schanze vergrößert wiedereröffnet. Dabei stellte sich heraus, dass sie einen viel zu kurzen Auslauf hatte – nicht wenige Springer landeten im Laufe der folgenden Jahre deshalb im Gelpe-Bach. Bemühungen, den Auslauf über den Bach hinweg zu verlängern, scheiterten – der Grund- stücksbesitzer, ein „Schlieper“, wie Paul Mehling weiß, wollte dafür partout kein Land abtreten.

In der Folgezeit richtete der Ski-Club dennoch regelmäßig Nieder­rheinmeisterschaften im Springen aus – ein Zeitungsbericht vermerkte, dass es als „Aprés“ im Anschluss zum „Ski-Hasen-Ball“ ins „Haus Zillertal“ ging… Kein Wunder: Bis zu 2.000 Zuschauer pilgerten zu den exotischen Springen ins Gelpetal, auf praktische Weise wurde dafür die Werbetrommel gerührt: Hinter einem Pkw wurde ein „Clubberer“ auf Skiern durch die Straßen gezogen, auf dem Rücken trug das lebendige Werbeplakat ein großes Schild mit der Aufschrift „Morgen, 14 Uhr, Springen“ – das reichte, damit es voll wurde im Gelpetal…

Paul Mehling bei seinem Rekordsprung „für die Ewigkeit“, der auch von der WDR-Kamera eingefangen wurde. Quelle: Kalenderblatt CHBV

Paul Mehling bei seinem Rekordsprung „für die Ewigkeit“, der auch von der WDR-Kamera eingefangen wurde. Quelle: Kalenderblatt CHBV

Nach einigen Jahren vergrößerte der Verein die Schanze noch einmal, sodass sie 1957 offiziell vom Deutschen Skiverband anerkannt wurde. 1959 kam dann sogar ein Kamera-Team des WDR. War das der Grund oder die vielen Zuschauer an der Schanze? Auf jeden Fall legte Paul Mehling an diesem Tag seinen Rekordsprung von 33 Metern hin – im Gelpe-Bach landete er auch nach seinem „Jahrhundert-Satz“ nicht, denn Mehling war auch ein Meister der Spitzkehre und bekam buchstäblich „stets die Kurve“.

Nein, ein Cronenberger Kobayashi wäre er nie geworden, lacht Paul Mehling. Dazu war seine Zeit eine ganz andere: Bretter aus Butter- und Heringsfässern mit Lederriemen daran waren seine ersten Skier, auch ein Helfer-Team hatte er ebenso nie wie einen Mannschaftspsychologen, aber: „Die Jugendlichen haben sich darum geschlagen, mir die Skier zum Schanzenturm zu tragen“, weiß Paul Mehling noch. Und überdies fehlte dem Ski-Allrounder wohl auch der Ehrgeiz zum Star: Paul Mehling war mit Herzblut und Begeisterung dabei, aber Schweiß war weniger seine Sache: „Wenn ich die Langläufer heute sehe, wie sie ins Ziel kommen und umfallen – nein, das war ich nicht…“

Doppelt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt

Aber den ganz großen Ski-Zirkus brauchte Paul Mehling auch nicht, die Ski-Familie im Westdeutschen Skiverband (WSV) und im heimischen Ski-Club waren ihm stets genug. Gleich zweifach wurde er für sein rekordverdächtiges ehrenamtliches Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, die SPD Cronenberg zeichnete ihn mit ihrer Hermann-Herberts-Medaille aus und der WSV sowie der SCC mit Ehrenurkunden beziehungsweise dem Ehrenvorsitz.

Diese Ehrungen sind die „Trophäen“ des 91-Jährigen, und sein Schanzen-Rekord von 1959 ist Paul Mehling ja auch nicht mehr zu nehmen…