Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

03.02.2021, 19.31 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Landhaus-Café: 24/7-SB-Kühlschrank ist der Lockdown-Renner

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Christine Ruthe an ihrem SB-Kühlschrank, aus dem sich die Kunden in Lockdown-Zeiten kontaktfrei mit vakuumierten und portionierten Schmankerln aus der Landhaus-Café-Küche bedienen können – 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche… | Foto Meinhard Koke

Im ersten Lockdown ließ Christine Ruthe ihr Landhaus-Café geschlossen. Die Türen sind auch im Lockdown II zu, die Gäste kommen aber dennoch ins Honigstal, manche selbst von weiter her. Christine Ruthe weiß sogar von einem Kunden, der auf der Rückreise nach Regensburg extra einen Wuppertal-Stopp einlegte, um am Landhaus-Café vorbeizuschauen – entsprechend resümiert Seniorchefin Gloria Rösler: „Wir lassen uns von der Corona-Welle nicht unterkriegen, wir reiten drauf.“ Der Grund dafür hat gleich zwei (Spitz-)Namen: „Karl Kühl“ nennen ihn die einen etwas „cool“, der etwas liebevollere und von Christine Ruthe bevorzugte Kosename lautet: „Heribert Hugo Honigstal“.

Er steht in einer Holzhütte vor dem Landhaus-Café und hat das beliebte Café-Restaurant unterhalb der Zeppelinallee bislang durch den Lockdown II gerettet – gemeint ist ein großer Kühlschrank! Jeder darf dran, 24 Stunden täglich und sieben Tage in der Woche kann man sich hier mit Schmankerln von vegan über vegetarisch bis hin zu „Fleischigem“ oder auch Eintöpfen aus der Landhaus-Café-Küche versorgen, portionsweise vakuumiert sowie kontaktlos!

„Wir glauben nicht, dass uns jemand absichtlich betrügen will…“

Und zudem auf Vertrauensbasis, denn die Kunden rechnen selbst ab und werfen den Rechnungsbetrag in den Landhaus-Briefkasten, zahlen per PayPal oder überweisen später. Dass sie das tun, darauf vertraut Christine Ruthe: Viele Leute könnten dieses Vertrauen zwar nicht fassen, erzählt die Gastronomin, „aber dass wir dieses Vertrauen haben dürfen, das wollen wird jetzt auch beweisen – wir glauben nicht, dass uns jemand bewusst betrügt.“ Enttäuscht wurde sie bislang jedenfalls nicht, im Gegenteil: Das große Feedback ist durchweg positiv und „Gäste sprechen uns sogar an, dass sie vergessen hätten zu bezahlen oder etwas mit der Überweisung falsch gelaufen ist“.

Die Idee zu dem 24/7-Kontaktlos-Kühlschrank hat sich sozusagen entwickelt: Damit keine Lebensmittel weggeworfen werden mussten, gab sie Christine Ruthe nach Lockdown-Verhängung gegen eine Spende an ihre Kunden ab. Als dann klar war, dass der Außer-Haus-Verkauf erlaubt ist, begann sich Christine Ruthe mit dem Vakuumieren von Gerichten zu versuchen. Das kam bei den Gästen an, „also haben wir uns überlegt, einen Selbstbedienungskühlschrank einzurichten“, berichtet die Landhaus-Chefin weiter. Als dann der 24/7-Service auf Vertrauensbasis „ausgeklügelt“ und veröffentlicht worden war, nahm die „coole“ Kühlschrank-Idee in den sozialen Netzwerken Fahrt auf.

SB-Kühlschrank: „Das ist ein richtiges Hipster-Ding geworden…“

Zwischenzeitlich schauten schon Radio und Fernsehen bei „Heribert Hugo Honigstal“ vorbei und es hat sich ein regelrechter „Kühlschrank-Tourismus“ entwickelt, freut sich Christine Ruthe: Interessierte aus dem gesamten Städtedreieck, aus Velbert oder auch besagter Regensburger auf der Durchfahrt kommen ins Honigstal, aber zum Beispiel auch in Wuppertal weilende Geschäftsreisende sind dankbar für die vakuumierten Gerichte, die „Karl Kühl“ bietet. „Das ist ein richtiges Hipster-Ding geworden“, berichtet die erfindungsreiche Gastronomin selbst ein wenig überrascht, dass Nachfragen eingetroffen sind, ob ein „Karl Kühl II“ nicht auch am Dönberg eingerichtet werden könnte und sich sogar Gastronomen aus Österreich gemeldet haben.

Kontakt zu Stammgästen gehalten und neue Kunden hinzugewonnen

Zwar macht der 24/7-SB-Kühlschrank ihr reguläres Geschäft nicht wett, zwar sei der Aufwand groß und der Ertrag eher gering, Christine Ruthe und ihre Familie feilen dennoch weiter an „Karl Kühl“, haben zwischenzeitlich einen professionelleren Vakuumierer oder auch einen Drucker für die Klebeetiketten angeschafft und tüfteln gerade an einem SB-Rechnungssystem, das den Kunden das Kopfrechnen ersparen soll: „Das ist die nächste Stufe – es macht einen Riesenspaß.“

Zumal: „Wir haben uns ein richtiges Stamm-Publikum aufgebaut, den Kontakt zu unseren Stammgästen gehalten und neue Kunden hinzugewonnen“, freut sich die Landhaus-Chefin: „Und das Schönste ist, dass wir unsere Aushilfen weiterbeschäftigen können“ – für zum Beispiel im Service jobbende Studenten sei ja im Lockdown fast alles weggebrochen. Zwar habe sie die ersten Nächte vom Rotkohl-Vakuumieren geträumt, lacht Christine Ruthe, damit sei es jetzt aber vorbei, da sie Unterstützung beim „Einschweißen“ habe. Insofern: Auch wenn der Lockdown vorüber ist, „Karl Kühl“ hat beste Chancen, im Honigstal erhalten zu bleiben – und in ein/zwei Jahren erinnere man sich dann am SB-Kühlschrank staunend zurück – an den Lockdown II, in dem die Idee zu „Karl Kühl“ entstand…

An den Wochenenden: Chili, Waffeln & Co. aus der Hütte

Der 24/7-SB-Kühlschrank bietet Salate, zwei bis vier vegetarische und ein veganes sowie sechs Fleischgerichte und Eintöpfe oder auch Quiches. Die Gerichte sind jeweils mindestens 7 bis 12 Tage haltbar, „und den Gästen schmeckts super-gut“, berichtet Christine Ruthe. Während der Kauf in der Woche kontaktlos per Selbstbedienung erfolgt, werden die Gerichte samstags und sonntags zwischen 12 und 18 Uhr ausgegeben: Dann werden nämlich aus der Landhaus-Hütte auch Chili con Carne, Grillwürstchen und Currywurst mit Sansibar-Soße oder auch Kuchen und Waffeln sowie Kaffee verkauft – und seit letztem Samstag mit der veränderten NRW-Coronaschutzverordnung auch wieder Bier und Glühwein. Mehr Infos online unter www.haus-honigstal.de sowie telefonisch unter (02 02) 42 72 64.