18.05.2026, 19.36 Uhr | Meinhard Koke | Artikel drucken | Instapaper | Kommentare
„Stolz und Vorteil“: Tempo, Witz, Musik & viel TiC-Frauenpower
Ein begeisterndes Quintett, das in insgesamt 19 Rollen schlüpft: das Ensemble der Musik-Komödie „Stolz und Vorurteil (oder so)“ im TiC-Theater. | Foto: Martin Mazur
Freitagabend, Atelier Unterkirchen: Ralf Budde (Regie) und Prof. Stefan Hüfner (Musik) präsentieren die zweite Premiere des Jubiläumsjahres 2026 des TiC-Theaters. Mit Isobel McArthurs „Stolz und Vorurteil (oder so)“ nach dem Roman von Jane Austen steht eine „Komödie mit Musik“ an. Klingt trocken? Ist es überhaupt nicht…! Der Abend von hinten aufgerollt: Die Premiere hatte zwei Enden. Ein erstes, das sich das begeisterte Publikum verfrüht herbeiklatschte, und den „wirklichen“ Schlusspunkt: minutenlang Standing Ovations für einen rasanten Abend voller Gefühl, Sittengemälde, Musik und Komik. Dazu ein einfallsreiches Bühnenbild (Stefan Böhmer/ Frank Fischer), ein Kostüm-Feuerwerk (Noelle-Magali Wörheide) und ein brillantes Darstellerinnen-Quintett – ein schönstes Geburtstagsgeschenk des TiC zum 40sten (die CW berichtete mehrfach)!
Ein „hipper“ Klassiker
Der Stoff: Jane Austens berühmter Roman von 1813, bis heute aktuell und durch Adaptionen populär. Rund um ihren 250. Geburtstag erlebte Austen neuen Hype – von Serien bis Kino, vom Regency-Cosplay bis zum alljährlichen Festival in Bath. Im Zentrum steht die Familie Bennet, wohlhabend, aber gesellschaftlich am unteren Rand der Upper Class. Das Problem: Ohne männlichen Erben fällt das Vermögen an Cousin Collins. Mutter Bennet (Nelly Haller) treibt daher ebenso energisch wie penetrant die Verheiratung ihrer fünf Töchter voran – „pushy“ arrangiert sie Begegnungen auf Bällen und bei Dinnern. Liebe? Nebensache. Hauptsache standesgemäß unter der Haube und: Erbe gesichert!
Fünf Töchter, ein Problem
Doch die Lage ist kompliziert: Jane (Anja Bielefeld) scheint gut zu Mr. Bingley zu passen, wird jedoch von dessen Freund Darcy beeinflusst. Ausgerechnet dieser ist für Elizabeth (Leonie Hackländer) vorgesehen – die selbstbewusste junge Frau widersetzt sich jedoch. Nach einer Demütigung weist sie Darcy ebenso zurück wie den werbenden Cousin Collins (Anna Färber). Mary bleibt als unbeholfener Bücherwurm unauffällig, Lydia sorgt mit ihrem forschen Auftreten für Verlegenheit – kurzum: Die Heiratspläne der Mutter stehen unter keinem guten Stern: Standesdünkel, Intrigen und Fehlentscheidungen verschärfen die Lage – sehr zum Leidwesen von Mrs. Bennet, die – stets und ständig das Asthma-Spray griffbereit – von einer Krise in die nächste taumelt.
Stolz und Standesdünkel
Wer hier eine klassische Kostümkomödie erwartet, irrt: Isobel McArthurs Adaption verlegt den Stoff geschickt ins Heute. Fünf Dienstmädchen erzählen die Geschichte, fungieren als Background-Chor und übernehmen insgesamt 19 Rollen – rasant und mit viel Witz, und toller Musik obendrein! Leonie Hackländer in der (Haupt-)Rolle als (stolze) Elizabeth und Anja Bielefeld als Jane sind arrivierte Darstellerinnen des TiC – sie bestätigen das in dem „Strudel“ aus Stolz und Vorurteil. Hackländer und Bielefeld liefern schauspielerisch wie gesanglich ab – eine Bank! Nelly Haller als Mama Bennet – eine herrlich-hysterische „Drama-Queenmum“ und beeindruckend in der Darstellung des zunächst kühl-arroganten und dann liebenswürdig-edelmütigen Darcy.
Ein Ensemble in Hochform
Ebenfalls Kompliment an Tanisha Meis: Ob als Dienstmädchen Tillie und damit Erzählerin des Stückes, ob als Freundin Charlotte Lucas, die – im Gegensatz zu Elizabeth – aus (wirtschaftlichen) Vernunftgründen Collins heiratet, ob als verzogen-versnobte Elizabeth-Gegenspielerin Caroline Bingley oder als deren gutmütig-freundlicher Bruder Charles – Tanisha Meis spielt alle Rollen mit Bravour. Und als wäre das nicht genug: Singen kann sie auch noch! Zum heimlichen Star des Abends avanciert Anna Färber: Auch weil sie mit fünf Rollen die meisten Parts des Abends übernimmt – Hut ab! In ihren (sonderbaren) Rollen als „graue Maus“ Mary, als forsche Lydia und nicht zuletzt als „Scheinheiliger“ Collins erobert Anna Färber mit komödiantischer Verve die Herzen der Zuschauer – großes Kompliment!
Kostümrausch und Klasse-Musik
Stefan Hüfners Musik-Arrangements von Madonnas „Material Girl“ bis zu „Something Stupid“ der Sinatras Nancy und Frank, nicht zu vergessen der Kiss-Hit „I Was Made for Lovin’ You“, der balladesk startet, um dann in ein wild-rockiges Luftgitarren-Solo zu münden – die musikalischen Intermezzi und Choreografien sind ein Sahnehäubchen. Fünf Sterne auch für Noelle-Magali Wörheide: Fulminant, wie sie die Kostümschlacht rund um das „Wechselspiel“ der 19 Rollen gewinnt. Clever, wie sie den Offizier George Wickham „ausstaffiert“, grandios der „barock-opulente“ Auftritt der Lady de Bourgh (Maske: Michaela Döpper)!
Empfehlung: Karte kaufen!
„Stolz und Vorurteil (oder so)“ wurde als „Best Entertainment or Comedy Play“ mit dem Laurence Olivier Award ausgezeichnet – zu Recht! Ein temporeicher, äußerst unterhaltsamer Theaterabend. Empfehlung: Karte sichern und selbst erleben! Tickets gibt’s unter Telefon (0202) 47 22 11, im TiC-Büro an der Hauptstraße 3 und online via tic-theater.de.





