30.06.2026, 18.50 Uhr | Meinhard Koke | Artikel drucken | Instapaper | Kommentare
Kirchen-Komödie „Kardinalfehler“: „Sakra“, ist das lustig im TiC!
Die Angst sitzt ihnen in Gestalt des päpstlichen Reisemarschalls (Niklas Schier, mi.) buchstäblich im Nacken: Philip Zangerl als Bischof Glöckner (li.) und Christoph Güldenring als Generalvikar Koch sind in der Komödie von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs im TiC-Theater „scheinheilig“ bemüht, vor dem Papst-Besuch im Bistum nur ja keinen „Kardinalfehler“ publik werden zu lassen… | Foto: Martin Mazur
Beim Thema „Katholische Kirche“ ist vielen längst nicht mehr zum Lachen zumute. Missbrauchsskandale, Streit um Reformen und ein anhaltender Mitgliederschwund prägen das Bild der Institution. Die Lage scheint kaum spaßverdächtig – lässt sich daraus dennoch ein vergnüglicher Theaterabend machen? Eine Antwort gibt neuerdings das TiC-Theater: Anfang Juni hatte dort die Komödie „Kardinalfehler“ von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs Premiere. Vorweg: Das Publikum spendete der Inszenierung von Marc Ossenbrink reichlich Beifall – mehrfach wurde das Ensemble zurück auf die Bühne geholt! Wer sich da wundert: Das Thema Missbrauch, das wohl traurigste Kapitel der Kirche, spielt ja auch keine Rolle. Ansonsten aber lassen der britische Polit-Satiriker Beaton und Erfolgsautor Jacobs („Stromberg“, „Pastewka“, „heute-show“), kaum ein Kirchen-Klischee aus.
Turbulenzen vor Papstbesuch
Es geht um Eitelkeit, Gier nach Macht und deren Missbrauch. Der „Kardinalfehler“ ist der Bruch des Zölibat-Gelübdes und dessen Ergebnis: ein „verbotenes Kind“. Zum Stück: Ein kleines Bistum wird 700 Jahre alt. Weil dessen Bischof Glöckner als Saubermann hoch angesehen ist, kündigt sich zum Jubiläum der „Ritterschlag“ an: Der Papst kommt! Für den Bischof die Chance, sich für höhere Aufgaben in Rom zu empfehlen, für Generalvikar Koch die Gelegenheit, aus dem Schatten eines biederen „Kirchenbeamten“ ins Rampenlicht zu treten, und für Priesterseminarist Matteo die Möglichkeit, dem Papst die junge Kirche zu präsentieren. Haushälterin Wibke wiederum freut sich, dem Vertreter Christi auf Erden Frikadellen mit Kartoffelpüree zu servieren.
Alles scheint bereitet für die höchsten Weihen, doch dann wird Glöckner in der Stadt das Bischofskäppchen vom Kopf geklaut – ein Skandal oder gar ein Attentat? Der Frevel erweist sich als Ouvertüre für den Auftritt der Studentin Emma. Sie stellt alles auf den Kopf, denn: Emma ist die Tochter des Bischofs – das Ergebnis eines „Fehltritts“ aus dessen jungen Jahren als Priester. Was nicht sein darf, kann nicht sein! Zudem trifft mit Martin Miller der Reisemarschall des Vatikans ein. Seine Mission: mögliche „Stolpersteine“ vor Eintreffen des Heiligen Vaters aus dem Weg zu räumen. Aber lässt sich Emma zum Schweigen bringen?
Zwischen Soutane und Satire
Wenn’s nicht so traurig wäre, man müsste eigentlich drüber lachen. Müsste? Man muss! Alistair Beaton und Dietmar Jacobs machen aus dem „Trauerspiel“ eine Komödie. Schließlich gilt: „Es ist zwar zum Heulen, aber man kann ja nicht den ganzen Tag weinen.“ Unglaublich, dass „Kardinalfehler“ ein Auftragswerk des Theaters Trier ist, gelegen im ältesten Bistum diesseits der Alpen – ausgerechnet. Passend insofern, dass mit Marc Ossenbrink ein Mann sein Regiedebüt am TiC-Theater gibt, der nach eigenen Worten „sehr katholisch“ erzogen wurde, aber längst aus der Kirche ausgetreten ist. Er sei zufrieden mit seiner Inszenierung, wenn sich das Publikum auf dem Nachhauseweg darüber unterhalte, verrät das erneut in vielerlei Hinsicht informative Programmheft von Hans-Willi Lukas.

Das Ensemble der satirischen Kirchen-Komödie „Kardinalfehler“ im TiC-Theater: Michelle Ossowki, Christoph Güldenring, Philip Zangerl, Alexander Klein und Astrid Gottschalk (v.l.) wurden für die Erstaufführung an der Borner Straße vom Premierenpublikum stürmisch gefeiert. | Fotzo: Martin Mazur
Höchste Weihen für Umsetzung
Marc Ossenbrink darf zufrieden sein: Schon in der Pause war für Gesprächsstoff gesorgt – und während des Stückes für Gemurmel, Kommentare und reichlich Lacher. Ossenbrink liefert von A bis Z eine begeisternde Inszenierung ab. Bühnenbild (Stefan Böhmer/Frank Fischer) und Kostüme (Maya Fichtel) sind geradezu sinnbildlich für den inneren Widerspruch der Figuren: Hier die altbackene Sitzecke im Amtszimmer des Bischofs und der als grauer Biedermann gekleidete Generalvikar; dort der Bischof in prächtiger Soutane mit violettem Käppchen und modischer Brille, der im Schatten von Heiligenbildern zum hippen Designertelefon greift. Schein und Sein prallen hart aufeinander.
Verkörpert werden die Figuren im TiC bravourös: Christoph Güldenring brilliert als Generalvikar Koch, ein „harter Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Scheinbar selbstlos, tatsächlich aber skrupellos, ist er bemüht, „den Laden“ im Griff zu behalten; zur Not helfen Absolution, ein Griff in die Obdachlosenkasse oder: „Management“! Astrid Gottschalk als handfeste Haushälterin Wibke ist eine Art Johanna von Orleans. Gehorsam lässt sie sich herumkommandieren, kniet nieder, um sorgsam die 36 Knöpfe am Talar des Bischofs zu öffnen. Doch alles hat seine Grenzen: In ihre Küche lässt sich Wibke auch vom Papst nicht hineinreden. Astrid Gottschalk gibt eine wunderbare „gute Seele“.
Paraderolle für Philip Zangerl
Freud und Leid liegen in „Kardinalfehler“ nah beieinander. Michelle Ossowski als Emma steht für die ernste Seite des Stückes. Für Lacher ist ihre Figur kaum zuständig, dafür umso mehr für Mitgefühl und Bewunderung. Das innere Ringen mit ihrem Vater und ihre Rolle im Ränkespiel der Kirchenoberen bringt Hülper eindringlich auf die Bühne. So verleiht sie der Komödie ihren ernsten Kern, ebenso wie Alexander Klein als Matteo: Der „gutgläubige“ Priesterseminarist steht für die „wahre Kirche“, seine Rolle mündet in das „Finale furioso“ des Stückes – berührend, eindrucksvoll!
Niklas Schier wiederum überzeugt als päpstlicher Reisemarschall Martin Miller. Ganz in Schwarz gekleidet und mit tief in die Stirn gezogenem Hut wirkt er wie der „Pate“, der dem Bistum unerbittlich auf den Zahn fühlt. Hut ab für Schier – kaum zu glauben, dass dieser „Pitbull“ im wirklichen Leben Pfarrer ist…! Und vor allem: Philip Zangerl als Bischof Glöckner – eine Paraderolle. Eitler Pfau, Kirchenfürst und Karrierist ist er, zugleich aber hilflos im Strudel der Ereignisse, verzweifelt und sogar gefühlvoll. Ohne blasphemisch werden zu wollen: Zangerls Spiel ist „sakra“ – teuflisch gut.
Den „Humor-Knop“ drücken: Karten für „Kardinalfehler“
„Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt“, lautet ein Satz von Joachim Ringelnatz. „Kardinalfehler“ im TiC drückt wunderbar auf diesen Knopf. Oder um es mit Werner Finck zu sagen: „Lächeln ist die eleganteste Art, seinen Gegnern die Zähne zu zeigen.“ Wer viel Zähne zeigen möchte – vor allem auch aus Freude –, dem sei die neueste TiC-Komödie empfohlen. Karten gibt es unter Telefon (0202) 47 22 11, im Kartenbüro an der Hauptstraße 3 oder online unter tic-theater.de.





