Dorf-Shoppen während der Corona-Krise

29.04.2020, 15.29 Uhr   |   Meinhard Koke   |   Artikel drucken   |   Instapaper   |   Kommentare

Corona-Teilöffnung: Geschäftsleute mit Freude, aber auch Sorgen

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Während die Wirtschaftverbände vielfach auf Corona-Lockerungen drängen, zeigten sich die meisten der befragten Dörper Einzelhändler eher skeptisch dazu.

Entsprechend des Bund-Länder-Beschlusses zuvor (die CW berichtete) kam es am 20. April 2020 zu einer Teilöffnung in den (Teil-)Bereichen des Einzelhandels (bis 800 Quadratmeter Verkaufsfläche) und der Dienstleistungen. Nach rund einmonatigem „Shutdown“ müsste die Freude bei den Geschäftsleuten groß gewesen sein, sollte man glauben. War sie auch einerseits. Andererseits aber mischte sich in die Freude über die Wiederöffnung bei einigen Dörper Geschäftsleuten auch Sorge.

Elektro Klärner
„Ich finde, das ist zu früh gekommen“, zeigte sich Martina Becker (Elektro Klärner) zu den Lockerungen der Corona-Beschränkungen recht sorgenvoll. Zumal die Dörper Geschäftsfrau vor allem in der Teil-Öffnung der Schulen ein Risiko für einen erneuten Anstieg der Corona-Zahlen sieht. In den Schulen gebe es nicht in jeder Klasse Waschbecken und wenn, dann nur mit kaltem Wasser, hat Martina Becker von einer Schülermutter gehört; außerdem sei die Corona-Disziplin bei Kindern naturgemäß nicht so hoch: „Natürlich will auch ich, dass es besser wird, aber das gibt eine Katastrophe“, zeigt sich die Elektro-Klärner-Inhaberin pessimistisch.

Micha A/Mode Reiss

Während man an der Solinger Straße 6 noch auf die bestellten Masken wartet, hier aber bereits Desinfektionsmittel am Eingang bereit stehen, „begrüßen“ Micha A und Mode Reiss ihre Kunden bereits mit diesem Corona-Komplettprogramm zur Vorbeugung. Dazu haben Claudia Land und Michael Ackermann rote Luftballon-Herzen aufgeblasen und rechts und links ihres Einganges angebracht – weil ihre Kunden in den vier Schließungswochen so viel Herz für das „Kombi-Geschäft“ in der Krings Ecke gezeigt hatten.

Nach dem Schließungsbeschluss am 22. März habe er eine Whats-App-Rund-Nachricht an seine Kunden versandt und darin um ihre Solidarität zum Beispiel durch den Kauf von Gutscheinen gebeten: „Nach 30 Minuten schon hatten meine Kunden für ein paar Tausend Euro bei mir bestellt“, blickt Michael Ackermann geradezu ergriffen auf den Krisen-Beistand seiner Kunden zurück: „Nach 40 Minuten habe ich geweint wie ein kleiner Junge.“ Die Solidarität setzte sich Anfang dieser Wiederöffnungs-Woche fort: Zahlreiche Kunden schauten vorbei, freuten sich und/oder kauften auch ein: „Es war fantastisch.“

Dorf-Solidarität: „Da stand ich sprachlos vor diesem Kunden“
Keiner jedoch tauschte seinen Gutschein ein – „das machen wir irgendwann im Herbst oder Winter – jetzt verdiene erst einmal wieder etwas Geld“, hätten die Kunden gesagt, berichtet Michael Ackermann. „Gipfel der Solidarität“, so erzählt der Boutique-Besitzer weiter, sei ein Kunde gewesen, der einen „Micha A.“-Gutschein zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte: Der drückte das Präsent Michael Ackermann als Geschenk in die Hand und als „Miet-Zuschuss“ („Du brauchst das viel nötiger“) obendrein noch eine Geldspende dazu: „Da stand ich sprachlos vor diesem Kunden – es ist schön, wie geborgen man sich in diesem kleinen Stadtteil fühlen kann“, zeigt sich Michael Ackermann von seinem Neustart geradezu berührt.

WohnStil

Dennoch: Auch Michael Ackermann befürchtet, dass die Lockerung des Corona-Shutdowns zu früh erfolgt sein könnte. Man hätte noch zwei/drei Wochen warten sollen, bis die Virus-Reproduktionsquote weiter nach unten gedrückt worden sei – „ich habe Sorge, dass der Schuss jetzt nach hinten los geht“, befürchtet Michael Ackermann, dass die Corona-Zahlen wieder nach oben schnellen und einen zweiten Shutdown erfordern könnten. Diese Befürchtung teilt Martin Quel: Der Inhaber von WohnStil, des Geschäfts für Schönes für daheim, erlebt zwar einen „gigantischen“ Öffnungs-Montag – innerhalb von nur drei Stunden waren alle Bettwäsche-Garnituren, die er mit der CW-Printausgabe zuvor als Beilage beworben hatte, ausverkauft.

In die Freude über den „sehr, sehr guten“ Montag mischte sich aber auch bei Martin Quel viel Corona-Sorge: „Wenn ich gesehen habe, was am Montag schon wieder alles im Dorf los war – das war schon fast wie früher“, zeigte sich der „Wohnstil“-Inhaber skeptisch, dass die Corona-Lockerungen ohne Folgen bleiben würden. Er selbst lässt zwar in sein Geschäft an der Kemmannstraße 2 nur zwei Kunden gleichzeitig rein, zudem sind Masken für die Kundschaft bestellt, insgesamt aber glaubt Martin Quel, dass die Lage unterschätzt wird: „Ich weiß nicht, ob das alles so richtig ist – ich halte auch nichts von den Schul-Öffnungen.“

Anziehend

„Kommt niemand oder wird uns der Laden eingerannt?“ Diese Frage stellten sich Jolanta-Anna Smoniewska sowie Jörg Noé und ihr Team der Mode-Boutique „Anziehend“ vor dem Montag. Am Ende des ersten Tages nach der Corona-Öffnung war keine von beiden Extrem-Varianten eingetroffen: Zumal aktuell nur maximal vier Kunden gleichzeitig in die Boutique an der Hauptstraße 23 rein dürfen, fiel das „Anziehend-Comback“ genau in der richtigen „Kunden-Dosis“ aus: „Das war schon recht gut“, berichtet Sylvia Seifert: „Wir waren froh, dass nicht mehr Kunden gekommen waren – so kann’s weitergehen.“

Zumal die Kunden der Dörper Boutique für Sie und Ihn über den Online-Verkauf durch die vier Krisen-Wochen zahlreich die Treue gehalten hatten, war ihr Einkaufshunger ein gemäßigter „Heißhunger“: Endlich wieder „richtig“ (analog) shoppen gehen zu können, darüber hätten sich insbesondere die Kundinnen gefreut – „sie waren vor allem glücklich, sich mal wieder direkt austauschen zu können“, berichtet Sylvia Seifert – „und ich auch…“

Edelwerk

Einen besonderen Corona-Service bietet die Boutique Edelwerk: Für seine Kunden, die entweder zur Vorsorge oder weil sie zur Corona-Risikogruppe zählen, hat Ralf Leetink Extra-Öffnungszeiten eingeführt. Nach Ladenschluss können Kunden dabei individuelle Einkaufszeiten in der Boutique am Rathausplatz 6 vereinbaren.

Zur Corona-Vorsicht nach Ladenschluss einzeln shoppen
Montags, dienstags, donnerstags und freitags öffnet Edelwerk dazu auf vorherige telefonische Terminierung unter (02 02) 272 598 95 ab 18 Uhr für einzelne Kunden seine Pforten, mittwochs ist das bereits ab 14 Uhr möglich. Zu den üblichen Öffnungszeiten gewährt Edelwerk aktuell nur vier Kunden gleichzeitig Eintritt in sein Geschäft – laut Corona-Verordnung dürften acht Kunden rein. „Wir wollen was machen, damit unsere Kunden unbeschwerter einkaufen können.“