26.10.2026, 19.34 Uhr   |   Meinhard Koke   |   » Die CW bei Google als bevorzugte Quelle auswählen

„Kunst“: Viel Weiß für sehr viel Geld – und reichlich Streit darum!

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Eigentlich ziemlich beste Freunde, aber ein ziemlich weißes Kunstwerk für einen ziemlich hohen Preis sorgt in dem Beziehungsdrama „Kunst“ dafür, dass sie sich „in die Wolle“ kriegen: Andreas Mucke (mi.), Thomas Braus und Alexander Peiler (re.) sind die Hauptdarsteller des gemeinsamen Stückes von TiC und Schauspiel Wuppertal zum 40-jährigen Bestehen des TiC-Theaters. | Foto: Schauspiel Wuppertal

Es war schon längere Zeit immer wieder im Gespräch, zum 40. Bestehen des TiC-Theaters wurde nun die Gelegenheit beim Schopfe gepackt: Erstmals taten sich das Schauspiel Wuppertal und das TiC zu einer Gemeinschaftsproduktion zusammen (die CW berichtete). Geburtstagsgeschenk geglückt: Mit langanhaltendem Applaus feierte das Publikum die Premiere von Yasmina Rezas Beziehungskomödie „Kunst“, welche TiC-Chef Ralf Budde im „Theater am Engelsgarten“ auf die Bühne brachte.

Ein Bild, das mehr auslöst als nur Kopfschütteln
Worum geht es? Um Kunst, um Freundschaft, um 200.000 Euro und um ein ziemlich weißes Bild. Vor allem aber geht es um drei alte Freunde, die plötzlich feststellen müssen: Freundschaft hat ihre Grenzen… Der Kunstgriff von Yasmina Reza: Vordergründig dreht sich alles um das große weiße Gemälde mit seinen kaum erkennbaren weißen Changierungen, das Serge für stolze 200.000 Euro erworben hat. Marc kann darüber nur den Kopf schütteln – und findet wenig kunstvolle Worte: „Das Bild ist einfach scheiße…“

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Damit ist der Streit eröffnet. Denn schon bald geht nicht mehr um die Frage, ob Weiß auf Weiß Kunst sein kann. Das Bild wird zum roten – oder besser: weißen – Tuch. Was zunächst nach einer Geschmacksfrage aussieht, entwickelt sich zu einem erbitterten Kampf ums Recht haben und die eigene Sicht auf die Kunst – die Freundschaft und die Welt… Das viele Weiß auf dem teuren Antrios bietet dabei reichlich Angriffsfläche. Mit zunehmender Eskalation verschwindet die Kunst immer mehr aus dem Blickfeld, während das Persönliche umso deutlicher hervortritt. Plötzlich geht es um Eitelkeiten, verletzte Gefühle und die Frage, wer in dieser Freundschaft eigentlich wen ernst nimmt.

Einer muss es ausbaden
Denn da ist ja noch Yvan, der dritte Freund im Bunde. Er gerät mitten hinein in den Streit, obwohl er doch eigentlich genug der eigenen Probleme hat: Die Hochzeit naht, die Nerven liegen blank. Und nun wollen auch noch seine beiden Freunde, dass er sich bekennt – und gefälligst ihrer Meinung folgt… Yvan versucht zu vermitteln, laviert zwischen den Fronten, damit die Freundschaft nicht zerrieben wird – und er selbst ebenso. Doch gerade seine Unentschlossenheit macht ihn zum Objekt der Streithähne: Wer Yvan auf seiner Seite hat, hat die Deutungshoheit – so wird aus dem Freundschaftsdreieck ein „Stellungskrieg“, erst verbal, später sogar handfest.

Drei Männer, drei Wahrheiten
Yvan kann einem leidtun. Muss er aber nicht. Denn Alexander Peiler macht aus seiner Rolle weit mehr als den armen Kerl zwischen zwei Alphatieren. Gerade in seinen Momenten zwischen Verzweiflung, Hilflosigkeit und Komik wird deutlich, wie viel Energie dieser Mann aufbringen muss, um das ganz normale Leben irgendwie zusammenzuhalten.

Eine Sternstunde ist Peilers Telefonat mit der zukünftigen Schwiegermutter – eine Energieleistung und vor allem: ein eindrucksvoller Gefühlsausbruch! Peiler zieht alle Register – und zeigt, dass nicht nur ein weißes Bild Emotionen auslösen kann… Auch Andreas Mucke als Serge und Thomas Braus als Marc machen aus dem Streit ein sehenswertes Duell. Mucke verkörpert selbstgerecht den selbstbewussten Kunstkäufer, der von seinem Erwerb überzeugt ist, Braus gibt brillant und scharfzüngig den Gegenspieler, der das viele Weiß partout nicht als Kunst gelten lassen will.

Die Kunst, richtig zu streiten
Je länger gestritten wird, desto mehr verschwimmen die Fronten, desto weniger geht es um Kunst. Und irgendwann – eben das ist die Stärke des Stücks und der Inszenierung – kommt die Frage in den Sinn: Bin nicht auch ich das? Wer hat nicht schon einmal über eine Kleinigkeit gestritten und irgendwann festgestellt, dass es längst um etwas ganz anderes geht? Um Recht haben. Um Anerkennung. Um verletzten Stolz. Um die Frage, ob der andere die eigene Sichtweise gefälligst teilen muss… „Kunst“ hält dem Publikum unterhaltsam den Spiegel vor. Der eine oder die andere entdeckt darin nicht nur Marc, Serge oder Yvan, sondern auch ein Stück von sich selbst.

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Premiere: Sogar Bild wird zum „Happy-End“
Mucke, Braus und Peiler verkörpern das Freundschaftsdreieck par excellence. Sie zeigen: Über Kunst lässt sich trefflich streiten. Aber es ist eben auch eine Kunst, richtig zu streiten – respektvoll, freundschaftlich und mit der Erkenntnis: man muss nicht immer Recht haben…! Zum Glück findet das Freundschaftsinferno unter rieselndem Weiß zu einem Happy End. Einer hat am Ende die Größe, nicht Recht behalten zu wollen und „klein beizugeben“ – Kunststück! Ein weiteres gab es bei der anschließenden Premierenfeier: Ein Bild, das Thomas Braus als Marc im Laufe des Stückes malte, erzielte bei einer Versteigerung für den guten Zweck mehr als 1.200 Euro. Damit bewies „Kunst“ auch außerhalb der Bühne, dass Weiß durchaus seinen Preis haben kann. Zu hoffen bleibt: Dass dieser Kunst-Kauf nicht zu Streitigkeiten im Hause des Höchstbieters führt…

Karten für „Kunst“ gibt es online via schauspiel-wuppertal.de. Ab Januar kommt das Stückaus dem Engelsgarten hinauf ins TiC-Theater. Infos & Karten hierfür unter Telefon (0202) 47 22 11, im Theaterbüro an der Hauptstraße 3 sowie online unter tic-theater.de.